André Sawicki, Projektkoordinator im Stadtteilcafe Pi8 im Pillnitzer Weg 8 in Staaken (Bild: Dieter Freiberg)
Bild: Klaus Dieter Freiberg

#dasbrauchtdeutschland - sechs Menschen - André Sawicki klagt nicht über die Politik

Inforadio-Reporterin Sylvia Tiegs hat in Berlin-Staaken, am westlichen Berliner Stadtrand, einen jungen Mann kennengelernt, der vom allgemeinen Gemecker über Politik gar nichts hält. André Sawicki ist dem Staat dankbar.

Donnerstags ist immer Happy Hour im "Café Pi8": halbe Preise auf fast alles. Deshalb ist das Stadtteilcafé der evangelischen Kirche in Staaken auch proppenvoll: Mütter mit Kindern, eine fröhliche Skatrunde, Leute aus den umliegenden Hochhäusern. Mittendrin, zwischen Kaffeemaschine und Kasse: Café-Leiter André Sawicki.

Schild mit der Aufschrift Cafe Pi8 (Bild: Dieter Freiberg)
Bild: Klaus Dieter Freiberg

Sawicki, 39, groß, schlank und sportlich, ist in der Gegend rund um das Café großgeworden. Er kennt die Leute - und weiß, dass viele hier ab und an Hilfe brauchen.

Dass sie die bei ihm im Kirchencafé bekommen, rechnet er der Politik hoch an. "Die Politik unterstützt uns und sorgt dafür, dass wir diesen Menschen ein bisschen was widergeben können. Bei uns haben sie die Möglichkeit, netten Leuten zu begegnen".

Hintergrund

Hochhäuser in der der Rudolf-Wissel-Siedlung in Staaken (Bild: imago/Schöning)
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- Staaken hat zwei Gesichter

Staaken gehört zum Berliner Bezirk Spandau und liegt ganz im Westen der Stadt. Fast 45.000 Menschen wohnen hier - in Hochhäusern oder kleinen Einfamilienhäusern. Die Heerstraße geht als große Verkehrsachse mitten durch den Ortsteil. Ansonsten bietet Staaken aber auch viel Grün - selbst zwischen den Hochhäusern, in denen die soziale Gerechtigkeit die Menschen besonders beschäftigt.

... und das ist wichtig, sagt André Sawicki. Nicht nur in Staaken. Er macht sich Gedanken über Armut allgemein - vor allem: Bildungsarmut. "Gerade die ungelernten Menschen in unserem Land sind ja hintendran. Und ich denke, deshalb wählen ja auch viele die AfD, weil sie Angst haben, dass sie von den Flüchtlingen, von den Neudazugekommenen verdrängt werden. Gerade deshalb ist es wichtig, diese Menschen zu fördern, zu unterstützen, aber auch zu qualifizieren", so Sawicki.

André Sawicki im Gespräch mit Sylvia Tiegs (Bild: Dieter Freiberg)
Bild: Klaus Dieter Freiberg

Von Qualifizierung versteht André Sawicki eine ganze Menge. Nach der mittleren Reife hat er Werkzeugmechaniker gelernt und bei Siemens gearbeitet. Dann war er zwölf Jahre Gruppenleiter in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen, machte eine sozialpädagogische Zusatzausbildung. Das Soziale reizte ihn - so kam er ins Kirchencafé. Jetzt möchte er sich noch als Sozialmanager weiterbilden. Für all diese Möglichkeiten ist er dem Staat dankbar: "Die Politik kann ich überhaupt nicht verteufeln in diesem Land, weil sie hat ja dafür gesorgt, dass ich da stehe, wo ich momentan bin. Mein ganzer kompletter Bildungsweg, meine Tätigkeiten, die ich beruflich bisher ausgeübt habe, die haben ja auch schon etwas mit der politischen Situation zu tun. Also, ich habe nichts zu klagen."

Klagen ist sowieso gegen André Sawickis Naturell. Wer etwas ändern will, braucht die Chance dazu - da sieht er die Politik in der Pflicht. Aber selbst anpacken muss man schon auch - findet der 39-Jährige: "Ich glaube, die meisten Menschen meckern viel rum, bringen sich aber selbst überhaupt nicht in die Gesellschaft ein. Viele sind zwar gegen irgendetwas, aber die meisten Menschen sind noch nie zu einer Demonstration gegangen, selbst wenn sie diese Demonstration befürworten und Veränderungen in diesem Bereich möchten. Die meisten Leute sind zu bequem und zu faul, mal aufzustehen und zu sagen: 'Mir reicht's!'"

Ihm selbst reicht's eigentlich nur an einem Punkt: André Sawicki fühlt sich vom Staat zu sehr überwacht. Überall Kameras, und die Vorratsdatenspeicherung von Emails und Telefonaten - da fühlt er sich in seiner persönlichen Freiheit eingeschränkt. Anders als bei der Sozialpolitik wünscht er sich hier, definitiv, weniger Staat.

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