Friedrichstadt-Palast Berlin ©Soenne
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- Touristen - ein Faktor für die Berliner Bühnen?

Der Berliner Senat will künftig mit Qualitätstourismus punkten. Das gab er diese Woche bei der Vorstellung des Tourismuskonzepts "2018plus" bekannt. Die Hauptstadt soll mehr kulturinteressierte Besucher anziehen, weniger Partygänger. Dazu gehört auch die vielfältige Theaterlandschaft. Ute Büsing hat in zwei Berlin Theatern nachgefragt, wie rege der Touristenzustrom dort ist. Der unter Chris Dercon neu aufgestellten Volksbühne und dem Friedrichstadt-Palast.

Der Friedrichstadt-Palast hat schonmal einen internationalen Superlativ zu bieten: Er ist Europas größtes Revuetheater. Unter Intendant Bernd Schmidt prosperiert der 1800-Plätze-Unterhaltungstempel wie nie zuvor. Die letzten zehn Jahre sind eine einzige Erfolgsstory. Schon jetzt zählt die aktuelle Show "The One" 700.000 Besucher. Das Genre bietet sich für internationales Publikum ohne Deutschkenntnisse geradezu an.

Berlin-Besucher halten sich beim Revue-Angebot zurück

"Revueshows sind ja vom Charakter her Bilderorgien und kommen mit recht wenigen Worten aus. Wenn wir eine Geschichte erzählen, erzählen wir die manchmal in Deutsch, manchmal in Englisch, aber auch in Spanisch und Französisch. Das ist schon sehr international und richtet sich eben nicht mit Heinz Rühmann- und Berliner Luft an ein dezidiert nur deutsches Publikum. Insofern haben wir eine sehr internationale Ausstrahlung." Berndt Schmidt verweist auch gerne zurück auf die Goldenen 20er Jahre, als die Bilderüberwältigungsorgien erfunden wurden. Schon da war Berlin mit seinen vielen Vergnügungsstätten ein touristischer Hot Spot.

Anders als damals, oder heute in Paris, wo der Run internationaler Gäste auf Lido und Moulin Rouge schier grenzenlos ist, halten sich Berlin-Besucher aus dem Ausland beim Revueangebot im Friedrichstadtpalast noch zurück: "Noch sind es nicht soviele Touristen, wie ich das gerne hätte. Wenn ich in Paris ins Moulin Rouge gehe, sind, glaube ich, die einzigen Pariser die Garderobiere und der Kartenabreißer. Bei uns ist es noch so, dass wir relativ viel deutsches und deutschsprachiges Publikum haben, was toll ist, freue ich mich ja drüber. Etwa 40 Prozent sind aus Berlin, 50 Prozent Deutschland Umland, Österreich, die deutschsprachige Schweiz und etwa zehn bis 15 Prozent sind internationales Publikum. Ich denke, das können wir steigern."

Volksbühne: Publikum ist internationaler geworden

Damit liegt der Friedrichstadt Palast im Vergleich der Berliner Kulturinstitutionen dennoch gut im Rennen. Denn laut einer aktuellen Studie liegt der Anteil ausländischer Besucher insgesamt bei nur acht Prozent. Für die unter Chris Dercon neu aufgestellte Volksbühne liegen noch keine aktuellen Zahlen vor. Das Publikum sei aber internationaler geworden, sagt Sprecher Johannes Ehmann: "Die neue Volksbühne versucht nicht, Touristen zu gewinnen, sondern zu reagieren auf die Vielgestaltigkeit, die ja Berlin charakterisiert. Und das heißt nicht nur, dass man Stücke anbietet, die vielleicht auch mal englischsprachig sein können, sondern dass man eben auch mit Künstlern arbeitet, die hier aus aller Welt in Berlin gelandet sind, die vielleicht in Brüssel oder in Wien oder in London ihre Sachen zeigen."

Entsprechend viele internationale Koproduktionen zeigt die neue Volksbühne. Und auch die bislang wenigen Eigenproduktionen wie Susanne Kennedys "Women in Trouble", durchgängig auf Englisch, die Tanz- und Performance-Produktionen, richten sich vom Zuschnitt her an ein internationales Publikum: "Der Effekt ist sehr stark, also das Interesse von einem neuen Publikum. Das spürt man. Man steht im Foyer und hört viele verschiedene Sprachen. Wir zeigen 'Iphigenie' auf Arabisch mit deutschen Übertiteln. Das ist auch interessant, dass es auch eine arabische Community gibt, die dann die Volksbühne zum ersten Mal überhaupt entdeckt."

Wer Berlin-Besucher ist und im Schnitt vier bis fünf Tage verweilt, wer temporär oder längerfristig hier lebt, lässt sich allerdings kaum trennen. Englische Texte sind für Volksbühne und Friedrichstadtpalast selbstverständlich. Und wo der Friedrichstadtpalast mit internationalen Design-Stars wie zuletzt Jean Paul Gaultier punktet, setzt die Volksbühne auf international bekannte Regisseure. Mehr Zuspruch von Touristen wünschen sich beide.

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Touristen an der Eastside Gallery
imago/Jochen Tack

Die Touristen - Fluch und Segen für Berlin

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