Taliban-Kämpfer vor dem Präsidentenpalast in Kabul
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- Verein: "Ortskräfte waren Politikern einfach egal"

Die Bundesregierung plant nun doch die Evakuierung von 2.000 afghanischen Ortskräften und weiteren besonders gefährdeten Menschen. Sven Fiedler ist Sprecher des Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte, das den Neustart dieser Menschen in Deutschland unterstützt. Er macht der Bundesregierung schwere Vorwürfe.

"Seit Monaten haben wir gesagt: Bringt die Leute raus, vereinfacht die Verfahren. Wenn die Taliban erst mal in Afghanistan die Macht haben, bekommen wir keine Menschen mehr raus", betont Fiedler. Doch diese Warnungen habe die Politik ignoriert, so der Sprecher. "Jetzt müssen wir als Verein ganz klar sagen: Wir denken, wir schaffen es nicht mehr, Ortskräfte zu evakuieren."

Zwar habe die Regierung immer wieder Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt, aber nicht gehandelt, sagt Fiedler: "Das zeigt mir, dass die Menschen in Afghanistan, die Ortskräfte, den Politikern einfach egal waren." Das sei menschlich eine absolute Katastrophe. Dagegen komme viel Unterstützung von anderer Seite, so der Vereinssprecher. "Die Medien zeigen Interesse und wir bekommen wahnsinnig viele Spenden und Anfragen von Menschen, die helfen wollen."

"Safe Houses" werden aufgelöst


Zur Lage vor Ort berichtet Fiedler, dass alles sehr unübersichtlich ist. Es gebe dort etwa 8.000 Ortskräfte mit Familien, von denen rund 3.000 einen Antrag stellen könnten, nach Deutschland zu kommen. "Wie viele davon jetzt ausgeflogen werden können, ist für uns fraglich. Denn auch wir haben in dieser dynamischen Situation nicht mehr den kompletten Überblick."

Die meisten Ortskräfte der Bundeswehr lebten in Masar-i-Scharif und Kundus, so Fiedler. Diese würden den Weg nach Kabul ohnehin nicht mehr schaffen. Sein Verein betreibe auch sogenannte "Safe Houses" in Kabul, wo Menschen sicher unterkommen können, doch diese würden jetzt aufgelöst, "damit sie nicht zur Todesfalle werden". Der Verein schätze es so ein, dass in Kabul niemand mehr vor den Taliban sicher ist, der nicht auf dem militärischen Flughafen von den Amerikanern beschützt wird.

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