Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor dem Schloss Meseberg (Brandenburg) (Quelle: dpa/Michael Kappeler)
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#dasbrauchtdeutschland - Merkel - gelassen aber nicht gelangweilt

So groß die Zustimmung für Bundeskanzlerin Angela Merkel auch ist - im Wahlkampf stößt sie immer wieder auf ohrenbetäubende Gegenwehr: Trillerpfeifen und Hassparolen schallen ihr auf vielen Marktplätzen der Republik entgegen. Doch das ficht sie nicht an, im Gegenteil: Sie hat sogar noch eine Botschaft für ihre Gegner. Von Martin Mair

Martin Schulz ist schuld. Ausgerechnet der SPD-Spitzenkandidat hat Hanni Horn in die Arme von Angela Merkel getrieben. Die Heidelbergerin sitzt aufrecht auf einer Bierbank und wartet auf die Kanzlerin. Gewählt habe sie sie schon früher, sagt die 68-Jährige. Doch in die CDU eingetreten ist sie erst vor drei Wochen.

Das ist ihr Protest gegen den Schulz-Hype: "Das war frustrierend zu sehen, wie die Leute auf den abgefahren sind. Der hat denen was versprochen, der hat überhaupt noch keine Leistung gezeigt!" Leistung und Fleiß - Tugenden, mit denen man in Baden punkten kann. Die malerische Altstadt Heidelbergs ist stehengeblieben in einer Zeit, in der die Welt noch übersichtlich schien. Und Idole mit langen Haaren provozieren konnten.

Heute ist der Blazer mal rot

Im Stil von Hochzeits-Alleinunterhaltern soll die Band 'Victory 17' für Stimmung sorgen. Hanni Horn wippt ein bisschen im Takt zu Schlagern und Hits ihrer Jugend, während die Kanzlerin im Anflug ist. Und plötzlich steht Angela Merkel auf der Bühne. Der immer gleiche Blazer, heute in leuchtendem Rot.

Mit ein paar Begrüßungsfloskeln lobt die Kanzlerin das schöne Heidelberg, resümiert, dass ihre Regierung viel geschafft habe: "Ich glaube, dass die nächsten Jahre gute Jahre sein können, wenn wir es richtig machen. Aber dass es auch anspruchsvolle Jahre sein werden."

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihre Hände zu der berühmten "Merkel-Raute" geformt © imago/Jan Huebner
Bild: imago/Jan Huebner

So geht das gut 30 Minuten. Merkel verkauft sich als die Verlässliche mit dem Gewicht der Amtsinhaberin. Verspricht Sicherheit zu Hause, lobt Europa als Friedensgaranten. Eine Regierungserklärung für Bürger. Mitreißend ist das nicht, die Aufmerksamkeit haben ohnehin andere: "Merkel muss weg!" – "Merkel muss weg!" - das Pfeif- und Buh-Konzert aus der rechten und rechtspopulistischen Ecke begleitet Merkel beim Tingeln über die Marktplätze quer durch die Republik.

Im Osten ist der akustische Teppich des Trillerpfeifens lauter als im Westen – zu hören aber sind die Hasstiraden immer. Auch im sächsischen Torgau. Auf der Bühne reagiert Merkel darauf gewohnt gelassen: "Wir haben ja die Wahl. Ob wir versuchen, nur mit Pfeifen und Schreien Deutschland voranzubringen oder ob wir gemeinsam für ein Deutschland arbeiten, in dem wir alle gut und gerne leben."

Die Kanzlerin soll nicht jammern

Merkels Sätze sind dank großer Lautsprecher auf dem Marktplatz von Torgau gut zu hören. Trotzdem drehen viele der Kanzlerin den Rücken zu. Werfen wütende Blicke und Gesten in Richtung der Schreihälse. Inmitten des Trubels steht eine kleine Frau mit Dauerwelle und blonden Strähnen in den dunklen Haaren. Barbara Kotte lächelt in Richtung der Kanzlerin. "Ich hab vorne zur Bühne gesehen und zugehört, was da gesprochen wird", sagt sie. "Und was hinter mir war, das war mir dann eigentlich egal."

Nach vorn schauen - das Lebensmotto der Altenpflegerin. Ihren Job als Landschaftsgärtnerin hat sie verloren, von heute auf morgen arbeitslos. Jammern, sagt die 48-Jährige, hilft da nichts. Weitermachen schon. Und das soll auch die Kanzlerin tun. So sieht das auch Hanni Horn aus Heidelberg. Die langjährige Vertreterin für einen großen amerikanischen Pharmakonzern war eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Sie mag schnelle Entscheidungen.

"Ich hab mich schon öfter über die Frau Merkel geärgert, weil sie einfach so langsam, so bedächtig war", sagt sie. "Aber in der heutigen gesamtpolitischen Situation ist das, finde ich, ein ganz großes Plus." Merkel als Garant für Stabilität in einer unruhigen Zeit. Keine Experimente, so formuliert es die Amtsinhaberin. Sie meint damit ein rot-rot-grünes Bündnis. Der Satz fällt gegen Ende ihrer 30-minütigen Reden auf den Markplätzen der Republik.

Es ist der einzige Moment, in denen sie überhaupt von ihren politischen Herausforderern spricht. Überraschendes oder gar Visionäres ist von Angela Merkel also nicht zu erwarten - das zeigen ihre Auftritte. Es scheint, als ob die Deutschen das auch nicht vermissen.

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