Graffitti am Fußgängerdurchgang Alt-Strahlau/Elsenbrücke verspricht Party-Spaß (Bild: Dieter Freiberg)

Partystadt Berlin - Wenn Wohnviertel zur Feiermeile werden!

Berlin ist in den vergangenen Jahren zu Partystadt für Touristen geworden. Das ist für viele Anwohner mit unerträglicher Lärmbelästigung verbunden. Einer von ihnen ist Inforadio-Hörer Stefan Glücklich. Wir haben ihn mit FDP-Politiker Bernd Schlömer an einen Tisch gebracht.

In den vergangenen Jahren hat sich die Hauptstadt zur "Party-Hauptstadt" entwickelt. Tatsächlich ist Berlin Deutschlands Feiermeile Nummer 1: Nirgendwo in der Republik gibt es so viele Clubs und Diskotheken, Festivals und Open-Air-Veranstaltungen. Viele (gerade junge) Touristen kommen zum Feiern extra nach Berlin. Ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor für den Senat.

Für viele Anwohner aber ist diese Entwicklung ein Albtraum. Vor allem der Lärm macht Stress: Wummernde Beats bis in die frühen Morgenstunden sind kein Spaß, wenn man aufstehen und zur Arbeit gehen muss. Stefan Glücklich ist einer dieser Betroffenen. Er hat absolut nichts gegen Musik oder Clubs, aber mittlerweile ist es für ihn auf der Halbinsel Stralau kaum noch auszuhalten. Er ist gefangen in der Lärmfalle zwischen den Clubs an Land und den Party-Booten auf der Spree: "In den Sommermonaten, speziell an den Wochenenden, hört man überall das Gewummer von Bässen und kann gar nicht richtig orten, wo die herkommen." Er denkt mittlerweile sogar darüber nach, dort wegzuziehen und kennt auch Menschen, die das bereits getan haben.

"Berlin ist eine Weltstadt, dazu gehört Clubkultur"

Nun sollte man meinen, dass Anwohner eines Wohngebietes durch gesetzliche Regelungen vor Ruhestörung geschützt sein sollten. Doch dem ist nicht so, meint Stefan Glücklich: "Die Lärmschutzverordnung ist eine Ansammlung von Gummiparagraphen. Es gibt so viele Ausnahmen. Wir haben auch in letzter Zeit erlebt, dass nachts Veranstaltungen stattfinden, die genehmigt werden und die ihre Schlupflöcher in dieser Verordnung finden."

Bernd Schlömer, ehemaliger Piratenpolitiker und nun Spitzenkandidat der FDP für Friedrichshain-Kreuzberg, hat zwar Verständnis für die Probleme von Herrn Glücklich und gibt ihm auch Recht, was die Party-Schiffe angeht – die sollten sich an den Ruhezeiten orientieren. Er sagt aber auch: "Auf der anderen Seite ist Berlin Weltstadt. Dazu gehört eine vielfältige Clubkultur." Es müsse versucht werden, ein Miteinander zu schaffen. Dazu seien verschiedene politische Maßnahmen notwendig und man müsse mit den Clubbetreibern zusammen eine sinnvolle Lösung suchen.

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"Es ist ein Problem des politischen Willens"

Auf der Suche nach Lösungen für dieses Problem ist Ursula Mahnke schon lange. Sie kämpft seit Jahren für anwohnergerechten Tourismus. Ihr geht es natürlich nicht um den Tourismus Unter den Linden, sondern darum, dass "Horden von Partygästen in Wohngebiete einfallen", wie sie betont. Auch sie sieht das Problem vor allem darin, dass die vorhandenen Regelungen nicht umgesetzt und kontrolliert werden. "Wozu gibt es solche Regelungen, wenn man sie nicht überprüft? Für uns ist das auch ein Problem des politischen Willens."

So sieht das auch Stefan Glücklich. Er würde sich mehr Polizeikontrollen wünschen, doch da gebe es eben Personalmangel. Die Wasserschutzpolizei, die für die Partyboote zuständig ist, habe ohnehin nur ein Boot und das sei dann eben oft nicht an der richtigen Stelle. Scharf kritisiert er, dass die FDP noch mehr Ausnahmeregelungen fordert: "Es gibt genügend Ausnahmeregelungen. Das geht in die völlig falsche Richtung." Seine Erfahrung der letzten Jahre: "Die Interessen der Anwohner werden nicht ernstgenommen."

"Anwohner kommen nicht vor"

Bernd Schlömer glaubt dennoch, dass die Interessen beider Seiten unter einen Hut zu bringen seien. Zumindest bei Neubauvorhaben wie auf der Halbinsel Stralau könne man darauf achten, "dass man nicht die Clubkultur mit hineinzieht und dafür sorgt, dass die Wohnbereiche auch Wohnbereiche bleiben können".

Am Ende ist Stefan Glücklich enttäuscht von den Antworten des FDP-Politikers: "Er redet immer nur von der Wirtschaft und vom Tourismus. Die Anwohner kommen da irgendwie nicht vor."

Hintergrund

Innerhalb von 10 Jahren haben sich die Touristenzahlen in Berlin verdoppelt.

Im ersten Halbjahr 2014 besuchten 5,5 Millionen Menschen die Hauptstadt.

Die Stadt macht mit den Touristen einen Umsatz von 10 Milliarden Euro im Jahr.

275.000 Berlinerinnen und Berliner verdienen direkt oder indirekt am Tourismus.

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