Fahrradhupe
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100 Sekunden Leben - Der Dislike-Daumen des Straßenverkehrs

Sicher ans Ziel kommen – und zivilisiert: Kolumnistin Doris Anselm denkt über mögliche Neuerfindungen für den Straßenverkehr nach. Ihre Idee: Zusätzliche Hup- und Klingeltöne.

Neulich wollte ich auf dem schmalen Fahrradweg einen älteren Herrn überholen. Seine etwas unsichere Fahrweise ließ aber befürchten, dass er plötzlich einen Schlenker machen und mit mir kollidieren könnte. Also dachte ich, es wäre eine gute Idee, ihn freundlich von meinem Annäherungsversuch in Kenntnis zu setzen. Ich klingelte. Es kam, wie es im hoch entzündlichen Berliner Straßenverkehr kommen musste: Der Andere brüllte wütend über die Schulter: "Mann, fahr doch vorbei!" Ich hatte gerade eine Stunde Yoga hinter mir. So war ich in der Lage, tief durchzuatmen, langsam zu ihm aufzuschließen und freundlich zu sagen: "Es tut mir leid, ich wollt’ Sie nur warnen, weil es hier ja ein bisschen eng ist!" Daraufhin er, in völlig anderer Stimmlage: "Och na denn, allet Jut, schönen Abend noch!"

Nun denke ich seit Tagen über diese Begegnung nach. Und darüber, wofür Fahrradklingel und Autohupe ursprünglich mal gedacht waren. In meinem Fahrschulbuch stand noch, dass es verboten ist, die Hupe einzusetzen, um seinem Ärger Luft zu machen. Schriftsteller sind eben manchmal etwas naiv, das gilt wohl auch für Fahrschulbuchautoren. Die Hupe ist ja inzwischen quasi der Dislike-Daumen des Straßenverkehrs. Und ich glaube nicht, dass man den Leuten das abgewöhnen kann, diesen "Du machst was falsch, Du bist im Weg!"-Einsatz von Hupe und, ja, auch Fahrradklingel.

Wie wäre es stattdessen mit einem zweiten, friedlicheren Hup- und Klingelton? Sounds hab ich mir auch schon überlegt. Ein fröhliches "Tüdeli-dü" vielleicht, ein "Moin Moin" (das kann man immer sagen) oder von mir aus irgendeine nette Hookline von Ed Sheeran. Für alle, die nur sagen wollen, "Achtung, hier isses grad gefährlich, aber das ist nicht Deine Schuld und auch nicht meine, wir kriegen das hin, schönen Tach noch!"