Demonstrant der "Letzten Generation" hat sich auf der Straße festgeklebt
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100 Sekunden Leben - Klimakleber, werdet kommerziell!

Die Klimakleber der "Letzten Generation" werden oft in schärfstem Ton kritisiert: Als "Extremisten", "Freiheitsräuber" oder, wie jüngst durch Bundeskanzler Scholz, als "völlig bekloppt". Das bringt Kolumnistin Doris Anselm auf eine Idee zur Schlichtung: Viel mehr Akzeptanz könnten die Aktivisten kriegen, wenn sie kommerziell würden.

Rein wirkungsmäßig machen Klimakleber ja nichts anderes als streikende Lokführer oder Piloten: Sie legen den Verkehr lahm. Gut, eigentlich kann man höchstens sagen: Sie legen ihn "lähmchen". Im Vergleich ungefähr so sehr, als ob in ganz Deutschland fünf Lokführer beschließen, Mittwoch mal auszuschlafen.

Schon witzig, dass Streikende, die die Lebensbedingungen von uns allen im Blick haben, leidenschaftlich gehasst werden, während Piloten, die nur für ihre eigenen Lebensbedingungen streiken, auf Verständnis hoffen können. Das Egoismus-Paradox geht noch viel weiter. Es gab zum Beispiel keine große Rebellion (oder gar Präventivhaft) gegen Chefs von Energiekonzernen, als klar wurde, dass die sich in der Gaskrise bei jeder neuen Gelegenheit wieder die Taschen vollschaufeln würden, während man uns alle zum patriotischen Frösteln zuhause anhielt. Offenbar ertragen viele Leute Drangsal leichter, wenn sie wissen: Der Verantwortliche ist eben ein mächtiges, gieriges Schwein, da kann man nix machen, also muss man da auch nix machen.

Im Gegensatz zum Klimaschutz, wo man dringend mehr machen müsste. Das ist der wahre Grund, warum die Streber-Kleber so gehasst werden: Weil sie das schlechte Gewissen anpieksen und man sich im Stillen fragen muss: Sind die besser als ich?! In Sachen Image und PR ist das absolut unklug. Eigentlich kann man der "Letzten Generation" nur raten: Kommerzialisiert Euch! Eröffnet auf jeder blockierten Kreuzung eine Filiale der Warburg-Bank oder eine Fracking-Mine und behauptet, dass ihr damit Wachstum schafft. Schon seid ihr sehr viel akzeptierter in unserem wachstumswahnsinnigen System. Auf dieses, und nicht auf die Klimakleber, würde die Aussage des Kanzlers denn auch sehr viel besser passen: "völlig bekloppt".

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Der Handabdruck eines Klimaaktivisten der Letzten Generation ist auf einer Straße im Berliner Bezirk Schöneberg zu sehen (Bild: dpa / Kay Nietfeld)
dpa / Kay Nietfeld

Interview - Protestforscher: "Letzte Generation" hebt Thema erfolgreich auf Agenda

In sieben Bundesländern hat es am Mittwoch Durchsuchungen bei mutmaßlichen Mitgliedern der Gruppe "Letzte Generation" gegeben. Als radikale Bewegung sieht Protestforscher Vincent August von der Humboldt-Universität sie allerdings nicht. Mit den Aktionen werde der Klimaschutz aber erfolgreich auf die Tagesordnung gebracht.