Ein Mann hält eine Fernbedienung vor einen Fernseher, auf dem die Tagesschau läuft.
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100 Sekunden Leben - Papa, stopp diesen Krieg!

Der Krieg in der Ukraine macht unsere Kolumnistin Doris Anselm fassungslos. Da sie Wladimir Putin persönlich nichts sagen kann, hat sie sich für ihre Gefühle einen Adressaten gesucht, der ihr näher steht – auch wenn das wohl ein bisschen ungerecht war.

Als im Lauf der letzten Woche klar wurde, dass es eine neue Katastrophe auf der Welt gibt, habe ich ganz folgerichtig erstmal mit meinem Vater geschimpft. Ich rief bei meinen alten Eltern an. "Papa!", rüffelte ich ihn, "Gib es einfach zu, am besten sofort. Du hast doch mindestens vier Abende hintereinander die Tagesschau verpasst!"

Es ist nämlich so, dass ich da als Kind eine Gesetzmäßigkeit entdeckt habe. Mein Vater machte abends um kurz vor 8 immer einen Riesenaufstand, wenn man noch was von ihm wollte, auch wenn es nur Kleinigkeiten waren, zum Beispiel eine wirklich gaaanz kurze zweite oder fünfte Vorlese-Geschichte. Er wurde regelrecht panisch, dass er die Tagesschau verpassen könnte. Als es dann tatsächlich mal passierte, an einem Sommerabend 1990, brach direkt am nächsten Tag der zweite Golfkrieg aus.

Da wurde mir, neun Jahre alt, die weltumspannende Verantwortung meines Vaters bewusst. Ich behielt dieses Wissen für mich, aber seitdem war Papas Ritual für mich heilig, noch heute rufe ich grundsätzlich nur vor 19 Uhr 30 oder nach zwanzig Uhr 15 an. So auch vor ein paar Tagen. Doch meinen Vorwurf wies Papa empört zurück. Nein, nicht eine einzige Meldung habe er verpasst! Obwohl das Angucken der Weltlage nun wirklich keine Freude gewesen sei! Warum ich fragen würde? "Ach, ist nicht so wichtig, Papa, tut mir leid", murmelte ich enttäuscht.

Mein Vater hatte also auch nichts ausrichten können. Und ich hätte, statt zu telefonieren, Sonntag vielleicht lieber auf die Friedensdemo gehen sollen. Meine innere Erwachsene guckt jetzt mal, was sie vielleicht doch tun kann für Leute in oder zumindest aus der Ukraine. Aber meine innere Neunjährige bleibt komplett fassungslos über die Tatsache, dass es auf dieser Welt einen manischen Putin gibt, aber keinen magischen Papa.