Junger Mann schreit in ein Megaphon
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100 Sekunden Leben - Die Schattenseite der Aufmerksamkeits-Ökonomie

Der Mensch neigt dazu, Geschichten aufzublasen, auch zu übertreiben. Das geht uns allen so und ist eigentlich nichts Besonderes. Wenn das aber überhandnimmt, dann haben wir ein Problem, findet unser Kolumnist Sebastian Schiller.

Superlative in deutschen Medien oder in der Sprache der Politiker sind selten ein gutes Zeichen. Das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen ist da ein gutes Beispiel. Die Jahrhundertflut ein anderes, nicht nur bezogen auf die Katastrophe im Ahrtal. Die Aufmerksamkeitsökonomie erfordert eben auch ein starkes Vokabular. Alarm, Katastrophe, Desaster. Nicht nur Deutschlands größte Boulevardzeitung hat diese Art der Überbringung meist schlechter Nachrichten nahezu perfektioniert und schießt damit bekannterweise regelmäßig weit über das Ziel hinaus.

Aber auch andere Medien nutzen die Art der Kommunikation mit dem Leser oder Zuschauer. Weil der Lauteste meist auch das größte Echo erzeugen kann, muss das nicht immer etwas Schlechtes sein. Stellen Sie sich nur mal vor, die fiktive Schlagzeile "Beispielloses Artensterben im Brandenburger Wäldern" würde weniger mit der Brechstange formuliert lauten: "Möglicherweise gibt es bald weniger Käfer und Bäume". Würde Sie das hinter dem Ofen vorlocken?

Folgerichtig haben Politiker und Journalisten kürzlich von einer Zeitenwende in der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik gesprochen. In seiner Regierungserklärung habe Olaf Scholz in einer halben Stunde jahrzehntelange Überzeugungen der deutschen Politik geschreddert, heißt es im Magazin Stern. Von einer radikalen Abkehr von Russland unter Wladimir Putin, berichtet der SWR. Vizekanzler Habeck soll dafür in Amerika mit Wohlwollen überschüttet worden sein, schreibt der SPIEGEL. Auf manche Umstände muss eben auch mit brachialen Worten hingewiesen werden.

Und derweil sitze ich hier in meiner beschaulichen Cottbuser Heimat, gefühlt einen Steinwurf entfernt zur polnischen Grenze und frage mich, was wohl als nächstes kommt. Denn das ist eine der Schattenseiten der Aufmerksamkeitsökonomie: Einer muss immer der Lauteste sein. Die Erwartungshaltung beim Konsumenten steigt, ob wir das nun wollen oder nicht. Und wir laufen Gefahr, das Gefühl für die leisen, aber dennoch wichtigen Töne zu verlieren.