Die pronomen er, sie und es sind auf einem Formualr abgebildet (Bild: picture alliance/ dpa)
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100 Sekunden Leben - Er, sie, es?

Kolumnist Thomas Hollmann hatte einen grammatikalisch schwierigen Start ins neue Jahr. Und jetzt fürchtet er, diese Grammatik macht Schule.

Ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet die Kolumne von Sibylle Berg als erstes im neuen Jahr gelesen habe. Wahrscheinlich, weil sie bei Spiegel Online ganz oben stand. Jedenfalls lautete der erste Satz: „Was wäre, wenn jedes einfach die anderen in Ruhe ließe?“ Da habe ich mich gefragt: Haben die beim Spiegel jetzt auch kein Korrektorat mehr? Wie beim Tagesspiegel, wo sich ein Fehler an den nächsten reiht. Richtigerweise müsste es doch heißen: Jeder lässt den anderen in Ruhe. Von mir aus auch jede, aber nicht jedes.

Dass es sich hier um keinen Flüchtigkeitsfehler handelt, sondern um eine bewusste Falschschreibung, ahnte ich, als ich weiter unten angekommen war: „Jedes könnte glauben, was es will“. Tatsächlich ist das der Wunsch der Schriftstellerin Sibylle Berg für 2022, dass „Kategorien wie Männer und Frauen keine Bedeutung mehr hätten“. Es statt er und sie. Ein vorbiblisches Paradies, ohne Schlange und Apfel und Adam und Eva. Alles ist es. One size fits all.

Nun war ich selber mal Hippie. Aber ich glaube trotzdem nicht, dass sich die Geschlechter-Ungerechtigkeiten dieser Welt mit einer Unisex-Grammatik beseitigen lassen. Schon weil Männer andere Frauenleiden haben. Da kommt man mit Es nicht weiter, wenn die Prostata aufmuckt. Da muss man zum Urologen und die Dinge beim Namen nennen.

Nein, die Biologie lässt sich mit einem Es nicht austricksen. Und gegen Totaloperationen bin ich sowieso – egal ob bei der Prostata oder bei Pronomen.