Das Zeichen für Radioaktivität und die Flagge der Europäischen Union auf einer Wand mit aufgeplatzter Farbe und einem großen Riss in der Wand (Bild: picture alliance / SULUPRESS.DE | Torsten Sukrow)
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Interview - Politologe: "Die EU ist keine Militärmacht"

In Deutschland wird darüber diskutiert, ob die EU eigene Atomwaffen braucht. Laut dem Politologen und Sicherheitsexperten Karl-Heinz Kamp gibt es keine Voraussetzung für eine eurpäische nukleare Fähigkeit.

Die Debatte über Atomwaffen für die EU werde häufig ohne Sachkenntnis geführt, sagt der Politikwissenschaftler Karl-Heinz Kamp. Der frühere Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik hat ein Buch geschrieben, in dem es um Deutschlands nukleare Interessen geht.

Jeder Nuklearstaat habe einen Präsidenten oder einen Minister, der über den Einsatz entscheidet. "Wer soll denn das in der EU machen? Das ist ja nicht etwas, was sie über Mehrheitsentscheid machen können", so Kamp. Die Europäer machten es richtig, dass sie nach vielen Jahren die eigene Verteidigungsfähigkeit stärkten. "Aber die EU ist halt kein eigenständiger militärischer Akteur."

Politologe: Keine Voraussetzung für EU-Atomwaffen

 

Die Voraussetzung für eine europäische nukleare Fähigkeit wäre eine gemeinsame europäische Regierung und eine gemeinsame europäische Armee, so der Politologe. "Beides haben wir nicht, beides werden wir nicht bekommen und beides wollen die meisten europäischen Staaten auch nicht."

Wenn Russland im Krieg gegen die Ukraine militärisch schwächer werde, könne sich die EU ohne die Hilfe der USA verteidigen, sagt der Sicherheitsexperte. Eskalationsgefahr bestehe immer, bisher habe Russland aber keine Atomwaffen eingesetzt. "Atomwaffen haben primär den Zweck der Abschreckung. Und diesen haben sie offenbar ganz ordentlich erfüllt."

Hintergrund

Weiter Debatte über EU-Atomwaffen

Die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, sieht Diskussionen über eigene europäische Atomwaffen kritisch.

Im Deutschlandfunk sagte die FDP-Politikerin, die EU sollte sich stattdessen auf konventionelle Verteidigung und Cyberabwehr konzentrieren. Strack-Zimmermann sagte, der Vorstoß von SPD-Europapolitikerin Katarina Barley zu möglichen EU-Atomwaffen sei - so wörtlich - nur "überschaubar klug". Barley habe offenbar überhaupt keine Vorstellung, was soetwas letztlich bedeute.

Strack-Zimmermann äußerte sich auch zurückhaltend zum Vorschlag von FDP-Chef Christian Lindner, der eine Diskussion mit Frankreich über die nukleare Abschreckung angeregt hat.