Menschen tragen Wasserbehälter in den Straßen von Kabul (Hauptstadt in Afghansitan (Bild: picture alliance))
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Interview - Afghanistan-Expertin: "Die Frauen sind die größten Verlierer"

Vor zwei Jahren haben die Taliban die Macht in Afghanistan übernommen. Seitdem hat Deutschland die einst umfangreichen Hilfen bei der Entwicklungszusammenarbeit eingestellt. Afghanistan-Expertin Ellinor Zeino fordert ein Umdenken. Denn hohe moralische Standards des Westens würden den Menschen vor Ort nicht helfen.

Ellinor Zeino ist Leiterin des Regionalprogramms Südwestasien der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Zuvor war sie Büroleiterin in Afghanistan und reist bis heute immer wieder in das Land. Sie sagt, die Sicherheitslage habe sich verbessert, Kabul sei deutlich ruhiger geworden. "Gleichzeitig befinden sich die Menschen in einer wirklichen schwierigen, wirtschaftlichen, humanitären Situation. Und auch in einer totalen Perspektivlosigkeit."

Zeino: Taliban mischen sich nicht mehr so stark in den Alltag ein


Zeino war gerade erst wieder in Afghanistan. Sie sagt, auf den ersten Blick denke man in Kabul, es habe sich gar nicht so viel verändert. Weil die Taliban heute eine - zumindest nach außen hin - softere Politik betreiben würden. "Sie mischen sich nicht mehr so stark in den Alltag ein, was Kleidungsvorschriften oder die Alltagsregelungen angeht."

Gleichzeitig beträfen gerade die neuen Einschnitte im Bereich der Bildung oder der Berufsfreiheit die Menschen sehr, sagt Zeino. "Und gleichzeitig die internationale Sanktionierung - das trifft halt einfach die Menschen insgesamt und nicht nur die Regierung."

Interner Richtungskampf der Taliban

 

"Die Frauen sind die großen Verlierer, aber eigentlich alle Menschen in Afghanistan sind aktuell die Verlierer", meint Zeino. Was man jetzt verstehen müsse, sei der interne Richtungskampf innerhalb der Taliban-Regierung. Die Expertin sagt, sie habe mit vielen Pragmatikern der Regierung gesprochen - auch mit Ministern. "Die sind sehr unglücklich mit den Dekreten gegen die Bildungsfreiheit und wollen gerne, dass die zurückgenommen werden." Das Problem sei, dass die Entscheidungen von den Hardlinern kämen.

"Die Menschen vor Ort möchten gerne, dass wir engagiert bleiben. Die möchten auch, dass wir weiterhin mit der Regierung im Dialog bleiben", sagt Zeino. Das heißt ihrer Ansicht nach, dass hohe moralische Standards oder eine hohe moralische Wertepolitik seitens des Westens den Menschen vor Ort nicht helfen würden.

Teilweise würden Frauen- und Minderheitenrechte sogar gefährdet, so die KAS-Programmleiterin. "Denn wenn sie als ausländische Agenda gesehen werden, wird es immer schwieriger, diese auch zu legitimieren und langsam eventuell Teile der Führung auch in eine andere Richtung zu bewegen."

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