Flüchtende Menschen mit Behinderungen und verletzte Soldaten gehen nach der Überquerung des Flusses Irpin am Stadtrand von Kiew über eine Straße (Bild: dpa / Emilio Morenatti)
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Interview - Ukraine-Experte zu humanitären Korridoren: "Moskau ist eher auf eine PR-Maßnahme aus"

Um der ukrainischen Zivilbevölkerung die Flucht aus den umkämpften Städten zu ermöglichen, verhandeln die Ukraine und Russland über humanitäre Korridore. Doch Moskau gehe es bisher nur darum, die Schuld von sich zu weisen, sagt Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations.

Damit die zivile Bevölkerung aus den besonders umkämpften Städten im Osten der Ukraine sowie aus der Hauptstadt Kiew fliehen kann, ohne unter Beschuss zu geraten, verhandeln die Ukraine und Russland über sogenannte humanitäre Korridore. Doch deren Einrichtung sei in einem Kriegsgebiet immer schwierig, sagt Gustav Gressel, Russland- und Ukraine-Experte beim European Council on Foreign Relations.

"Solche humanitären Korridore sind immer auch ein Mittel, um die Schuld an Kollateralschäden von sich zu weisen." Die russische Führung habe bereits gezeigt, dass die Öffnung solcher Korridore für sie eher eine PR-Maßnahme sei. Etwa in dem sie für vier Stunden einen Fluchtweg aus der ostukrainischen Stadt Mariupol öffnete, was bei einer 400.000-Einwohner-Stadt viel zu kurz sei, kritisiert Gressel.

Wenig Hoffnung für das Außenministertreffen in der Türkei

 

Auch das russische Angebot vom Montagmorgen, einseitig sechs Fluchtrouten aus umkämpften Städten wie Kiew, Charkiw und Sumy zu öffnen, von denen jedoch vier in Russland oder in Belarus enden, sei eher als Propaganda-Maßnahme, denn als ernstes Hilfsangebot zu sehen, sagt Gressel. "Die Leute wollen ja nicht über die Front nach Russland. Die Leute wollen in die Westukraine."

Aufgrund dieser wenig ernstzunehmenden Angebote der russischen Seite will der Politikexperte auch nicht zu viel Hoffnung in das für Donnerstag angekündigte Treffen des ukrainischen und russischen Außenministers in der Türkei setzen. Ein mögliches schnelles Kriegsende hänge nun davon ab, wie sehr Putin eine Fortsetzung des Krieges als Bedrohung für seine Herrschaft betrachtet. "Putin wäre aber nicht der erste, der versucht durch mehr Kraft auch unrealistische Kriegsziele zu erreichen. Das kommt in der Geschichte leider allzu häufig vor."