Seniorin an einem Laptop
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100 Sekunden Leben - Berufswunsch: Quoten-Omi

"Was soll nur aus mir werden?" Eine Frage, die sich nicht nur junge Leute stellen. Kolumnistin Doris Anselm denkt regelmäßig über neue berufliche Wege nach – vor allem fürs höhere Alter. Einige dieser Perspektiven sind allerdings topsecret.

Lange Jahre hatte ich einen geheimen Berufswunsch. Nicht mal engsten Freunden habe ich davon erzählt. Wenn ich mir die ferne Zukunft ausmalte, und mich in ihr, dann sah ich mich insgeheim immer als "pfiffige Internet-Omi". Ich weiß nicht, ob man die noch kennt. Pfiffige Internet-Omis waren eine Zeitlang so ein Topos in der Werbung.

Da saß zum Beispiel eine kleine weißgelockte Dame stirnrunzelnd am Schreibtisch ihres mutmaßlich entschlafenen Gatten vor einem röhrigen PC. Plötzlich kommt der obercoole Teenager-Enkel heim, grüne Haare, auf den Lippen erfundene Jugendsprache. "Boah, Omi", stößt der Teen genervt hervor, "ich hab jetzt megavoll keine Zeit, dir schon wieder die Technik zu erklären." Worauf die Omi keck mit den weißen Löckchen wippt und sagt: "Doch, hast du!", weil sie nämliche gerade erfolgreich alle Ballerspiele deinstalliert und ein tricksicheres Jugendschutz-Programm runtergeladen hat.

DAS ist die pfiffige Internet-Omi aus der Werbung. Aus der Werbung von vor ein paar Jahren! Seitdem ist sie nämlich verschwunden! Ich hab letztens einen Artikel über Ageism gelesen, Altersdiskriminierung, und dass die derzeit wieder zunehme. Ein Problem wie Sexismus, Rassismus und Co.

Deshalb träume ich jetzt anders: Ich hoffe darauf, mit meinem Altwerden genau in die Zeit reinzurutschen, in der überall Anti-Ageismus-Quoten eingeführt werden. Ich hätte keinerlei Gewissensqual, meine ohnehin vorhandenen Kompetenzen von einer Quote stützen zu lassen. Vielleicht bedrucke ich mir schonmal eine bunte Funktionsjacke mit den Worten "Quoten-Omi". Hoffentlich ist das erlaubt ohne Nachweis von Enkelkindern. Teenager kommen mir nämlich nicht ins Haus – wie soll man sonst noch in Ruhe Computer spielen?!

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100 Sekunden Leben

Doris Anselm, Thomas Hollmann, Wlada Kolosowa, Sebastian Schiller, Hendrik Schröder und Ebru Taşdemir betrachten mit einem schrägen Seitenblick Phänomene aus ihrem analogen und virtuellen Leben.