Symbolbild: Nachdenkliche Frau vor einem Spiegel mit Mehrfachreflexionen
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Vis à vis - Philipp Sterzer: "Vernunft ist eine Illusion"

Warum können sich die Menschen so selten vernünftig verständigen, zum Beispiel beim Klimawandel? Weil wir die Wirklichkeit verschieden wahrnehmen und interpretieren, warnt der Neurowissenschaftler Philipp Sterzer. Denn die Welt sieht in unseren Köpfen eben nicht aus wie mit der Kamera abgebildet. Von Christian Wildt

Vernunft ist eine Illusion, warnt Philipp Sterzer, Professor für Psychiatrie und Neurowissenschaften an der Universität Basel. Und dass wir Menschen gerne mal unvernünftig sind - im Großen wie im Kleinen.

Sterzer: Wahrnehmung basiert auf unserem Modell der Welt

 

das werden wohl auch Nicht-Wissenschaftler sofort eingestehen. Andererseits: Sind wir denn nicht alle willens, unseren gesunden Menschenverstand zu gebrauchen und der Vernunft zu folgen? Die Wahrnehmung funktioniere nicht so, dass etwas eins zu eins ins Gehirn hineinprojiziert wird, betont Sterzer. "Unser Gehirn funktioniert eigentlich genau andersrum." Es habe gelernt, dass bestimmte Reize und Sinneseindrücke bestimmte Ursachen haben und bilde sich daraus über die Zeit hinweg ein Modell der Welt. "Und es nutzt dieses Modell, um Vorhersagen zu machen darüber, was da draußen eigentlich los ist." Die Wahrnehmungs sei also letztlich ein Prozess, der sich aus unserem Bild der Welt ergibt, und nicht daraus, dass etwas in das Gehirn hinein projiziert wird.

Trotzdem gebe es viele Überschneidungen zwischen den Individuen. "Wir teilen ja einen Großteil unserer genetischen Ausstattung, wie unser Gehirn aufgebaut ist", sagt Sterzer. Es gebe aber feine Unterschiede sowohl in der Veranlagung, als auch bei den Erfahrungen, die ein Mensch in seinem Leben gemacht habe. "Diese feinen Unterschiede können dann teilweise auch zu deutlichen Unterschieden in dem führen, was wir wahrnehmen."

Es gehe aber nicht nur um die Wahrnehmung, sondern auch um das übergeordnete Bild, in das die Sinneseindrücke eingeordnet werden. "Das sind dann so übergeordnete Überzeugungen, die weiter weg sind von den eigentlichen Informationen", sagt Sterzer. Dabei gebe es deutlich mehr Spielraum für Interpretation. "Deswegen sind unsere Überzeugungen häufig sehr unterschiedlich und das führt natürlich häufig auch zu Konflikten."