Der Literaturwissenschaftler Ibou Diop (Bild: rbb24 Inforadio / Wolf Siebert)
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Vis à vis - Wie können wir an den deutschen Kolonialismus erinnern, Ibou Diop?

Der Literaturwissenschaftler Ibou Diop hat die schwierige Aufgabe, für Berlin ein Erinnerungskonzept für den deutschen Kolonialismus zu erarbeiten. Warum er dabei nicht an ein Mahnmal denkt und wie ein gemeinsames Erinnerin dabei helfen kann, Rassismus zu verlernen, hat er Wolf Siebert erklärt.

Ibou Diop lebt schon seit vielen Jahren in Berlin. Für die Hauptstadt erarbeitet der gebürtige Senegalese aktuell ein Erinnerungskonzept, das an die Geschichte und die Folgen des deutschen Kolonialismus erinnern soll. Daran beteiligt sind auch die verschiedenen Zivilgesellschaften, die in Berlin seit mindestens 30 Jahren zum Thema Deutscher Kolonialismus arbeiten, erklärt Diop. Darunter finden sich queer-feministische Perspektiven genauso wie Gemeinschaften, denen es vor allem um die Erinnerung der Nachwirkungen des Kolonialismus geht.

Auch die weiße Mehrheitsgesellschaft sollte idealerweise an dem gemeinsamen Erinnerungskonzept mitarbeiten, sagt der Literaturwissenschaftler. "Denn es ist ein Konzept für alle Berlinerinnen und Berliner." Für weiße Menschen, die vermeintlich erstmal nichts mit der deutschen Kolonialgeschichte zu tun haben, sei es jedoch auch wichtig, erst einmal zuzuhören und nachzufragen, bei denen, die direkt vom Kolonialismus betroffen waren und sind.

Berlin als politisches Zentrum des Kolonialismus

 

An ein bestimmtes Ergebnis seines Projekts, wie etwa ein Mahnmal, will Diop vorerst nicht denken, weil das dem Prozess vorgreife. Genauso wie einen Erinnerungsort kann er sich auch Erinnerungsachsen durch verschiedene Orte vorstellen. So habe Hamburg für den Kolonialhandel eine wichtige Rolle gespielt. Während Berlin politisch eine zentrale Rolle für den europäischen Kolonialismus spielte. "Wir dürfen nicht vergessen, dass in Berlin, in der Wilhelmstraße, die Grenzen gezogen wurden", sagt Diop. Mit der Aufteilung Afrikas habe die Kartierung des Kolonialismus in Berlin stattgefunden.

Im Zuge der Erarbeitung des Erinnerungskonzepts soll auch den Betroffenen des deutschen Kolonialismus mehr Sichtbarkeit und Empowerment ermöglicht werden. WWir leben in einem Land, dass sich sowohl wissenschaftlich als auch gesellschaftlich an einem vernichtenden Akt der Welt beteiligt hat", erklärt Diop. Den im Zuge des Kolonialismus entwickelten pseudowissenschaftlichen rassistischen Blick gebe es bis heute. "Vor allem schwarze Menschen werden diskriminiert. Sie sind Opfer von Rassismus. Sie bekommen ständig die Frage gestellt: Wo kommst du her?" Das bedeute, dass sie nicht als Teil der deutschen Gesellschaft anerkannt würden.

Eine Gesellschaft werden, in der Rassismus verlernt wurde

 

"Ein Erinnerungskonzept zum Thema Kolonialismus könnte helfen, zu zeigen, dass diese Menschen, die vermeintlich nicht dazugehören, schon immer dazugehört haben." Bei der Erinnerung an den Kolonialismus werde zu oft die Geschichte der Sieger erzählt, kritisiert der Literaturwissenschaftler. Die Geschichte des Widerstands der vermeintlich Besiegten werde viel zu oft vergessen. Ein gutes Erinnerungskonzept sollte diese diversen Geschichten aber sichtbar machen, findet Diop.

Um aus den individuellen Erinnerungen der Betroffenen des deutschen Kolonialismus und seiner Folgen eine Art kollektive Erinnerung zumindest zu initiieren, hat die Diop für sein Projekt Wissenschaftler und Aktivisten aus Namibia, Tansania, Togo, Kamerun sowie Ruanda und Senegal eingeladen, die in ihren Ländern zum deutschen Kolonialismus und seinen Folgen arbeiten. Gemeinsam stelle man sich nun die Frage: "Wie können wir aneinander erinnern und anhand von Erinnerungen eine neue Geschichtsschreibung schaffen." Letztlich gehe es dabei darum, eine Gesellschaft zu werden, in der Rassismus verlernt wurde, sagt Diop.