Die bei der Flut im Sommer 2021 zerstörte historische Bogenbrücke in Rech ragt in die Ahr hinein
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Vis à vis - Wie geht es den Menschen im Ahrtal, Herr Meyrer?

Die Flutkatastrophe im Ahrtal vor einem Jahr war die schwerste Naturkatastrophe in Deutschland seit Menschengedenken. 3000 Häuser im Ahrtal waren betroffen, 467 wurden komplett weggespült, 134 Menschen starben. Pfarrer Jörg Meyrer ist Seelsorger in Ahrweiler und hat ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben. Von Ulrike Bieritz

Auch ein Jahr nach der verheerenden Flut fühle er sich oft mit den Aufgaben überfordert, sagt Meyrer. So gehe es wahrscheinlich vielen Menschen im Tal. "Wir haben so den Eindruck: Wir haben eine Aufgabe erledigt und dann kommen zwei neue", sagt der Pfarrer. "Es sind wirklich große Herausforderungen – die sind so mühsam und machen so mürbe." Die meisten beschäftigten sich mit diesen Herausforderungen neben ihrer normalen Arbeit. Das koste viel Kraft, manchmal zu viel, so der Seelsorger.

"Einfach bei den Menschen sein"

 

Mit dem Erlebten und mit dem Jahrestag am 14. Juli gehe letztlich jeder anders um, berichtet Meyrer. "Es gibt Menschen, die fahren weg, weil sie es nicht ertragen, dass jetzt noch mal so viele Bilder, so viele Erinnerungen kommen." Andere freuten sich über das, was seitdem schon geschafft wurde. Wieder andere seien besorgt, weil sie selber noch nicht wüssten, wie sie sich an diesem Tag letztlich fühlen werden, erzählt der Pfarrer.

Er selbst blicke gespannt auf den Jahrestag, sagt Meyrer. Er wolle vor allem bei den Menschen sein. Mit seinen Kolleginnen und Kollegen von der katholischen Kirche habe er lange beraten, was am Jahrestag stattfinden solle. "Wir wollen eigentlich gar nichts Besonderes machen, sondern einfach dorthin gehen, wo die Menschen sind und ihnen zuhören, fragen, wie es ihnen geht und zeigen, dass wir an ihrer Seite sind und sie verstehen."

Meyrer: Seelische Wunden heilen, aber Narben bleiben

 

Mit den Wunden der Seele sei es wie bei den Wunden am Körper: sie können und werden bei den meisten Menschen heilen. "Das heißt, wir werden damit leben können, aber es bleiben eben Narben übrig und je nach Wetterlage spürt man die Wunden wieder", sagt der Seelsorger. Das Erlebte werde die Menschen ein Leben lang begleiten.

Jörg Meyrer ist Pfarrer und Seelsorger im Ahrtal und hat über seine Erfahrungen in der Zeit nach der Flutkatastrophe ein Buch geschrieben.Pfarrer Jörg Meyrer hat in der Zeit nach der Flutkatastrophe im Ahrtal als Seelsorger gearbeitet und über seine Erfahrungen ein Buch geschrieben

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