Symbolbild Meinungsverschiedenheit, Auszug aus der 28. Auflage des Duden
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Vis à vis - Michael Andrick: Fordert angstfreie öffentliche Debatten

Wir müssen anders miteinander reden, gerade mit denen, die nicht unserer Meinung sind – dafür plädiert der Philosoph und Publizist Michael Andrick. Er warnt: Ohne angstfreie öffentliche Debatten verlieren wir die offene Gesellschaft. Von Gerd Dehnel

Immer wieder zeigen Umfragen, dass viele Menschen kein Vertrauen in die Regierung haben oder das Gefühl haben, nicht mehr in einer Demokratie zu leben. Laut Andrick wird den Befragungsergebnissen zu wenig Bedeutung eingeräumt. Er fordert stärkere Reaktionen: "Die öffentlich-rechtlichen Medien, die kommerziellen Medien, die Politiker - alle müssen sich angesprochen fühlen."

Andrick: Viele fühlen sich von der Diskussion ausgeschlossen

 

Dass der Verfassungsschutz "Bestrebungen zur Delegitimierung des Staates" beobachtet, kritisiert Andrick scharf: "Wir brauchen ganz bestimmt keine weiteren Angstleitplanken für den öffentlichen Diskurs", so der Philosoph. Wenn ein großer Teil der Bevölkerung sage, sie hätten das Gefühl, die eigene Meinung nicht mehr frei sagen zu können, müsse man stattdessen nach den Ursachen suchen. "Und dafür brauchen wir eine angstfreie öffentliche Debatte, in der die Menschen alles auf den Tisch bringen, was ihnen dazu einfällt."

"Wir moralisieren politische Fragen und das ist wirklich sehr gefährlich", sagt Andrick. Er sieht darin die Aufkündigung der Republik. Diese bestehe aus der Gemeinschaft alljeniger, die sich in einem Territorium legitim äußern dürfen. Während der Pandemie seien Menschen, die nicht mit den Entscheidungen der Regierung einverstanden waren, moralisch und charakterlich abgewertet worden. "Diesen Menschen wird die legitime Teilnahme an der Diskussion aufgekündigt und das ist katastrophal", betont Andrick.

Andrick fordert mehr Verständnis füreinander

 

Der Appell des Publizisten lautet: "Gestehen Sie ihren Freunden zu – auch wenn sie ganz andere Auffassungen gehabt haben in den letzten Jahren – dass sie das, was sie gemacht haben, nach bestem Wissen und Gewissen gemacht haben."