Frau lehnt an einem Heizkörper
IMAGO / Panthermedia
Bild: IMAGO / Panthermedia Download (mp3, 2 MB)

100 Sekunden Leben - Heizen – ein schmutziges Wort

Die ersten kühlen Herbsttage waren für unsere fröstelnde Kolumnistin Doris Anselm ein echter Gewissenskonflikt. Hier im rbb24 Inforadio überwindet sie sich und spricht offen darüber, Stichwort: Heizscham.

Anmachen? Oder nicht Anmachen? Leider ist das momentan keine Frage des richtigen Flirtens, sondern die tägliche Gewissensqual vor meiner Gasetagenheizung. Ja, ich gehöre zu den Unglücklichen, in deren Wohnung wirklich ALLES mit (bisher mutmaßlich russischem) Gas läuft: Heizen, Kochen, Duschen. Theoretisch auch Baden. Aber da bin ich bereits derart auf Linie gebracht von den staatlichen Spar-Aufrufen, dass ich in der Drogerie auf den großen Plastikflaschen schon ganz von allein "Badescham" lese statt "Badeschaum".

Nun also ist auch Heizen ein schmutziges Wort. Dekadent. Tatsächlich klingt es ja, als ob es schon immer am liebsten nur geflüstert worden wäre: Heizen! Dabei gehörte heizen früher zum guten Ton, zumindest in Norddeutschland, wo ich herkomme. Unser weltweit bekannter Lieblingsspruch "Es gibt kein falsches Wedder, es gibt nur falsche Kleidung" galt nämlich nicht für Innenräume. Inner Stube wüllt wie warm sitzen!

Und auch sprachlich wurde viel geheizt bei uns. Der Wortstamm war in meinem Freundeskreis flexibel einsetzbar. Bezeichnete man etwa jemanden als "angeheizt", hieß das je nach Kontext wütend, geil oder beschwipst. Manchmal auch alles zusammen; dann begegnete man dieser Person am besten mit einem gelassenen "Heiz ab" – zu nichtnorddeutsch: Auf Wiedersehen. Was für ein tolles Wort.

Je krampfhafter ich jetzt versuche, nicht daran zu denken, desto öfter schleicht es sich ins Hirn und auf die Zunge. Bald wünsche ich bestimmt jemandem nach dem Niesen versehentlich "Gesundheiz!", was dann als Aufforderung verstanden werden könnte, unsolidarisch die Raumtemperatur zu erhöhen. Dabei tauge ich wirklich nicht zur Frei-Heiz-Kämpferin. Ich mache mir nur Sorgen, was alles daraus folgt, wenn die Mehr-Heiz-Gesellschaft zur Weniger-Heiz-Gesellschaft wird.