Sommer Badestrand Jugendliche mit Ghettoblaster foto: Imago/United Archives/kpa Publicity
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100 Sekunden Leben - Mit dem Wecker an den See

Boomboxen sind das Hass-Objekt unserer Kolumnistin Doris Anselm. Die mobilen Lautsprecher mit kräftigem Bass verschandeln ihr akustisch jede noch so erholsame Landschaft. Bisher dachte sie, das läge an Art und Lautstärke der abgespielten Musik. Stimmt aber gar nicht, hat sie jetzt gemerkt. Vielmehr ist der Störfaktor ein philosophischer.

"Jetzt freu dich doch mal", redete ich im Stillen auf mich ein. Es war nämlich was Unglaubliches passiert, vor ein paar Tagen am See: Die Musik, die die Leute neben mir mit ihrer Boombox abspielten, war Musik, die mir gefiel. Sogar ein Lieblingstrack war dabei.

Aber das Schlimme: Ich fühlte mich trotzdem gestört. Warum bloß, rätselte ich. Auch die Lautstärke der Musik war gerade so eingestellt, dass sich ab und zu noch ein kräftiges Vogelzwitschern gegen sie durchsetzen konnte. Wenn mich sowas störte, dann war meine schleichende Verwandlung in eine keifende alte Wutbürgerin offenbar nicht mehr aufzuhalten.

Deprimiert ließ ich den Kopf auf mein Badetuch sinken. Ja, ja, die Zeit bleibt für niemanden stehen, dachte ich. Wie spät war es überhaupt, und wie lange lag ich jetzt schon hier am See? Müsste ich nicht vielleicht langsam mal los und etwas Produktives machen? Und da! Genau in dem Moment! Wurde mir klar, was mich stört an Musik in der Natur: Musik strukturiert die Zeit. Die meisten Musikrichtungen tun das gar so deutlich wie eine Uhr: "Utz, utz, utz, utz", das heißt übersetzt ja nichts anderes als tick, tack, tick, tack, und das fühlt sich für mich an, als hätte ich den Wecker mit zum See genommen.

Wenn ich in der Natur rumliege, dann mach ich das, weil ich unstrukturierte Zeit genießen will. Die Zeit soll auseinanderfließen wie diese Uhren auf den Gemälden von Dalí. Das ist die perfekte Entspannung. Nun gut. Schöne Erkenntnis. Jetzt frage ich nur, ob ich es besser ertragen könnte, wenn jemand am See auf seiner Boombox wabernde Sphärenmusik abspielen oder gleich selbst ins mitgebrachte Didgeridoo pusten würde. Irgendwas sagt mir, dass ich diesen Sommer noch Gelegenheit kriege, das zu überprüfen.