Ehepaar schreit sich gegenseitig an
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100 Sekunden Leben - Zweierlei Schrei

Wenn es beim Streit in einer Gruppe laut wird, setzen sich oft die Männer durch – einfach, weil sie die stärkeren Stimmen haben. Oder ist das etwa gar nicht der wahre Grund? Inforadio-Kolumnistin Doris Anselm bemerkt heute, wie beim Thema "Geschrei" mit zweierlei Maß gemessen wird.

Eine Freundin von mir hat einen Job, in dem öfters hart gestritten wird. Sie muss dann unter Zeitdruck Ordnung schaffen und die Entscheidung finden. Neulich hat sie mir beim Weintrinken erzählt, dass sie das fast immer gut hinkriegt – außer, wenn mehrere männliche Kontrahenten versuchen, die Sache per Brüllwettkampf zu entscheiden. Was in Wahrheit natürlich vor allem ein Blödheitswettkampf ist, denn am Ende kostet das Testosterongekeife alle Beteiligten ihre gemeinsame Zeit.

"Ich komm da aber nicht dazwischen", sagt meine Freundin. "Wenn ich mit meiner Stimme die gleiche Lautstärke anpeilen würde, dann wäre das so ein hohes, spitzes Kreischen – und dann verlier’ ich ja komplett die Autorität vor den Typen." Betrübt trinken wir einen Schluck Wein, vielleicht den entscheidenden Schluck, denn plötzlich sieht meine Freundin mich mit Zweifel in den Augen an und fragt: " … oder?"

Und da kommt plötzlich was ins Wanken. Oft wird von der "gläsernen Decke" gesprochen, die Frauen auf subtile Weise beruflich zurückhält, eine Decke, die immer so tut, als wäre sie gar nicht da. Vielleicht gibt es auch eine gläserne Schallmauer. Ich habe meine Freundin schon kreischen gehört; ich bin ziemlich sicher: Ihre Stimme könnte durch das Brüll-Gebrumm von vier bis fünf Männern schneiden wie ein Laserschwert durch Butter. Sämtliche Aufmerksamkeit hätte sie auch sofort, gerade wegen ihrer anderen Klangfarbe. Warum also – oder vielmehr: von wem – wurde festgelegt, dass weibliche Maximallautstärke lächerlich sein soll, für Kontrollverlust steht und mit Autoritätseinbußen bestraft werden darf? Wenn doch die männliche vielerorts noch heute als Werkzeug salonfähig ist? Das wollte ich hier einfach nur mal fragen, ganz leise und lieblich.