Ein Kellner bedient Gäste in einem Restaurant (Bild: picture alliance / imageBROKER)
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100 Sekunden Leben - Liebend gern

Es ist das Wort unserer Dienstleistungs-Zeit: "gerne". Ob an der Fleischtheke, im Restaurant oder beim Friseur: Überall wird man "gerne" bedient. Thomas Hollmann geht diese postulierte Bereitwilligkeit schon lange auf die Nerven. Der Kolumnist hat festgestellt: "Gerne" lässt sich ins immer Absurdere steigern.

Ich saß kürzlich beim Italiener. Was sprachlich nichts zu bedeuten hat. Bei meinem Schwaben sagen die Kellner auch "gerne", wie auch mein Döner-Mann. Das ist also kein kulinarisches Problem.

Jedenfalls habe ich den Kellner gefragt, der, glaube ich, gar kein Italiener ist, ob wir die Karte bekommen können. Woraufhin der Keller geantwortet hat: "liebend gern". Zuerst dachte ich, der will mich verarschen. Aber dann hat er uns gefragt, ob wir einen Aperitif wünschen, was wir verneint haben. Und da hat er wieder gesagt: "liebend gern".

So ging das den ganzen Abend über: bei der Bestellung, beim Essenbringen, beim Abräumen, beim Kassieren. Immer bekundete der Kellner, dies "liebend gern" zu tun. Was ich beim Kassieren ja noch verstehe. Aber schmutzige Teller übereinanderstapeln, da würde ich keine Herzenswärme empfinden.

Es kann natürlich sein, dass der Kellner etwas gestört ist und einen Hang ins Devote hat und sich nach der Arbeit in einem darauf spezialisierten Sex-Studio behandeln lässt. Aber das habe ich seinerzeit auch schon bei der Kassiererin gedacht, die mich jahrelang nur angegrunzt hat und plötzlich vorgab, mir das Wechselgeld "gerne" herauszugeben. Und jetzt sagen alle gerne. Die können doch nicht alle devot sein.

Viele sagen inzwischen ja auch "sehr gerne". Da ist "liebend gern" eigentlich nur die nächste Steigerungsstufe. Vermutlich wird der Kellner demnächst behaupten: "Ich bringe Ihnen die Speisekarte derart gerne, dass ich dies beim Leben meiner Mutter schwöre." Das wäre allerdings ein ziemlich langer Satz. Und vor allem müsste man ja erst einmal überprüfen, ob die Mutter des Kellners überhaupt noch lebt. So was dauert. Und dann wird die Pizza kalt.