Boris Becker kommt am Tag der Strafmaßverkündung vor Gericht an
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100 Sekunden Leben - Mitgefühl für Boris Becker

Seit fünf Tagen sitzt der ehemalige Tennis-Star Boris Becker in einem Londoner Gefängnis. Zweieinhalb Jahre Haft wegen Insolvenzverschleppung, so das Urteil gegen ihn. Und unser Kolumnist Thomas Hollmann wundert sich, dass ihn das nicht kalt lässt.

Ich denke immer wieder an Boris Becker und was er jetzt wohl macht. Das wundert mich. An Uli Hoeneß habe ich nie gedacht, als der im Gefängnis saß. Und Uli Hoeneß hat mir auch schöne sportliche Momente beschert. Aber eben keine neuen Wörter. Keinen "Becker-Hecht". Keine "Becker-Faust". Und eine Besenkammer war bei Uli Hoeneß halt nur eine Besenkammer.

Das ist der Unterschied: Boris Becker hat unsere Fantasie beflügelt. Zu eng und so aussichtslos konnte gar kein Match sein, als dass er das nicht doch noch hätte gewinnen können. Indem er sich beschimpfte, sich anschrie, zum Himmel flehte, um dann wieder still zu werden und Ivan Lendl anzublicken, als sei das nicht gar Ivan Lendl, sondern ein Loser, der keine Chance hat, die er dann tatsächlich nicht hatte.

Ja, für Sentimentalitäten gibt es keinen Strafnachlass. Darf es auch nicht geben. Mitgefühl dagegen schon. Tatsächlich tut mir Boris Becker leid. Obwohl er der Täter ist, der offensichtlich geglaubt hat, das britische Insolvenzrecht breaken zu können. Indem er sich vor Gericht verzwergte zu einem, der nur Tennis und Sex im Kopf hat und deshalb den Überblick verlor, welcher Ex-Frau er jetzt gerade nochmal welches Haus am Fiskus vorbei überschrieben hat.

Und das ist die eigentliche Tragik: Dass Boris Becker nach all den Jahren und Bemühungen um Respekt den dummen Jungen gibt, der er nie hatte sein wollen. Und dann spielt die Richterin den Ball unerreichbar longline. Bei allem Recht ist das doch vor allem bemitleidenswert traurig.