Pariser in der S-Bahn
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100 Sekunden Leben - Ein Pariser fährt Berliner S-Bahn

Unser Kolumnist Thomas Hollmann hat in der S-Bahn eine seltsame Entdeckung gemacht. Und jetzt überlegt er, eine Event-Agentur zu gründen.

Zuerst dachte ich: ein Kindergeburtstag. Da hat jemand gefeiert und vergessen, den Luftballon mitzunehmen. Vielleicht waren die Eltern auch zu faul, den Ballon wieder von der Haltestange loszuknoten. Der saß schon recht stramm. Auf der anderen Seite hatte der Ballon nicht gerade eine Kindergeburtstagsfarbe. Der war weder rot noch blau noch gelb, sondern stand blässlich und beinahe durchsichtig von der Stange ab. Wobei sich manche womöglich fragen, warum Eltern den Geburtstag ihres Maximilians ausgerechnet auf dem Berliner S-Bahn-Ring feiern sollten?

Nun, man kommt herum, sieht immer was anderes und steigt dort aus, wo man eingestiegen ist. Mich wundert eher, dass S-Bahn- Ring-Partys noch nicht längst von Event-Agenturen vermarktet werden. Zumal sich die Party-Idee auch prima für Beerdigungen abwandeln ließe. Eine letzte Reise ohne Endstation,- so etwas macht Mut. Nur sollte man die Abschiedstour auf Urnen beschränken. Ein Sarg ist doch recht sperrig. Und wenn die anderen Fahrgäste dann immer um den rumlatschen müssen, werden die noch sauer.

Aber zurück zum Ballon. Warum hing der da jetzt an der Haltestange? Möglicherweise, weil das gar kein Luftballon war, wie ich bei näherer Betrachtung feststellte, sondern ein Pariser. Tatsächlich handelte es sich um ein aufgeblasenes Präservativ. Sollte die zur Schau gestellte Zweckentfremdung eine persönliche Niederlage demonstrieren? Das wäre möglich – und traurig für den sexuell Abgewiesenen. Traurig auch deshalb, weil der Pariser, einmal aufgeblasen, nicht mehr für seinen ursprünglichen Verwendungszweck zu nutzen ist. Ich habe den Ballon dann auch einfach hängen lassen.