Senior auf dem Rennrad
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100 Sekunden Leben - Ein Küken mit 60

Unser Rennrad fahrender Kolumnist Thomas Hollmann ist im Trainingslager. Das hatte er uns am Dienstag berichtet, dass er zur Regeneration die Rosenheim-Cops guckt. Und offensichtlich hat Fernsehen am Nachmittag eine verjüngende Wirkung.

Wenn ich so nachmittags auf dem Bett liege, fühle ich mich wie ein Küken, das gerade geschlüpft ist und an dessen gelbem Flaum noch ein Stück Schale klebt. So jung. Dabei bin ich letztens 60 geworden. Aber das ist es ja, dass ich nicht mehr 59 bin. Ich kann endlich in der nächsthöheren Altersklasse starten. Da bin ich dann der Jüngste. Die Anderen sind alle älter. 61, 62, 63, 64. Beim Riderman geht die Altersklasse sogar hoch bis 69. Das wird ein Fest, wenn ich die alten Säcke hinter mir lasse.

Und das tue ich nicht nur beim Riderman, sondern auch beim Glocknerkönig, beim Giro delle Dolomiti und beim Schauinslandkönig. Außenstehende wundern sich mitunter, wie viele Hobby-Radrennen es so gibt. Für mich Küken kann es davon gar nicht genug geben.

Beginnen Knochen, Knorpel und Bänder doch schon mit 30 zu degenerieren. Und 60 ist bekanntlich doppelt so viel wie 30. Und auch wenn es ein Selbstbetrug sein mag, zu glauben, man werde alle paar Jahre neu geboren, tut dieser Selbstbetrug doch gut. Muss man das Leben als Agegrouper doch nicht länger als ein stetiges weniger Werden begreifen, sondern kann in seinem Dasein einen sich auf wundersame Weise erneuernden Lebensquell erkennen.

Wobei beim Glocknerkönig meine Altersklasse die letzte ist. Die geht bis Open End. Bis sense ist. Da fahren auch 80-Jährige mit. Was 80-Jährige als große Ungerechtigkeit empfinden dürften. Ich werde ihnen tröstende Worte zurufen, wenn ich sie hinter mir lasse.