Erdkugel wird von Händen gehalten
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100 Sekunden Leben - Die Erde ist ihr Lieblingsplanet

Unsere Kolumnistin Doris Anselm hat keine "realistische" Idee, um den Krieg in der Ukraine zu stoppen. Aber wenn beim sogenannten "Realismus" jetzt zunehmend auch die Rüstungsindustrie mitredet, fragt sie sich, ob es nicht Zeit ist für ein paar "unrealistische" Ideen.

Deutsche Rüstungsfirmen wollen also Kampfpanzer an die Ukraine liefern. Woraufhin Russland betont, das Risiko einer nuklearen Eskalation sei "real". Und das Irre ist: Leute mit Atomwaffen brauchen sowas nur zu behaupten, damit es plötzlich stimmt. Das funktioniert mit praktisch keiner anderen Aussage!

Was ich damit meine: Die so genannte Realität scheint mir aktuell irgendwie wacklig. Und die von realistischen Leuten vorgenommenen realistischen Maßnahmen, um in der Ukraine was zu retten, klappen auch nicht ganz. Also kann zumindest ich als Autorin genauso gut rumspinnen. Literatur ist schließlich nicht für Lösungen da, sondern, um anderen Leuten, sogar klügeren und realistischeren, den Kopf durchzulüften, damit mal Ideen aneinander vorbei wirbeln, die das sonst nie tun.

Ich könnte über eine ansteckende Metallkrankheit schreiben, die aber ausschließlich bei Waffen zu Symptomen führt, nämlich zum sofortigen Zerfall; eine Art Science-Fiction-Kreuzung aus Herpes, Rost und Lepra. Oder ich könnte was im Stil von "Goodbye, Lenin" schreiben, nur dass die bettlägerige Mutter Putin ist, und die Simulation, die seine Nerven beruhigen soll, die angebliche Unterwerfung der ganzen Welt. "Putin’sche Dörfer" würde die Geschichte heißen, weil man einige zerbombte Straßenzüge in der Ukraine als variabel dekorierbare Kulissen erhalten würde.

Oder ich könnte schreiben, dass Elon Musk nicht Twitter kauft, sondern Russland, oder dass er zumindest die russischen Söldner für seine erste Weltraumkolonie abwirbt. Am Ende all meiner unrealistischen Texte würde immer ein Zitat von Funny van Dannen stehen: "Und ich wär' hier so gerne zuhause, denn die Erde ist mein Lieblingsplanet, doch ich werde hier nie so zuhause sein wie die Freunde der Realität."