Marzipanbrot
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100 Sekunden Leben - Das Marzipan-Wunder

Unserem Kolumnisten Thomas Hollmann passieren derzeit ständig Dinge, die er sich nicht erklären kann. Die Wiedervereinigung mit einem verloren geglaubten Marzipanbrot bringt ihn nun fast dazu, an Wunder zu glauben.

Ich werde auf meine alten Tage noch wundergläubig. Erst die Schaffnerin, die mich und mein Fahrrad barmherziger und verbotener Weise in ihrem Zugbegleiter-Abteil weiterfahren ließ - und jetzt das Marzipan-Wunder.

Wobei das erste Erstaunen der Preis war: 2,50 Euro für 40 Gramm. Aber angeblich soll das Marzipanbrot in dieser Confiserie außerordentlich gut schmecken. Wobei ich normalerweise in keine Geschäfte gehe, die sich "Confiserie" nennen. Weil ich auch kein Mineralwasser in der Apotheke kaufe. Aber weil doch bald Weihnachten ist und ich danach immer noch sparen kann, habe ich die 2,50 gezahlt.

Zuhause angekommen wollte ich mein Apotheken-Mini-Marzipanbrot gleich probieren. Zumindest die Spitze. Aber da war kein Brot. Weder im Mantel noch in der Fahrradtasche. Und da schwante mir: Ich hatte den Goldbarren auf dem Tresen liegengelassen, weil ich so sehr damit beschäftigt war, Schal, Mütze und Handschuhe anzuziehen.

Da quäle ich mich über den verstopften Kudamm, betrete gegen meine Überzeugung eine Confiserie, zahle für ein Viertel eines normalen Marzipanbrotes doppelt so viel wie für ein ganzes, und dann lasse ich die Wucher-Ware liegen.

In der Folge versuchte ich, meine Niederlage klein zu reden. Sind ja nur 2,50 Euro verlustig gegangen. Aber der Schmerz wollte nicht nachlassen. Also habe ich in dem Laden, der sich Confiserie nennt, angerufen. Unsinnigerweise, waren doch bereits vier Tage vergangen. Warum ich mich erst jetzt melde, wollte die Verkäuferin wissen. Und wann ich das Marzipanbrot, das sie natürlich gleich zur Seite gelegt habe, abholen wolle.

Für mich kann dieses wundersame Jahr nicht mehr schlecht enden.