Irak, Sindschar: Größtenteils menschliche Knochen liegen auf einem Massengrab nahe des Sindschar-Gebirges
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Interview - Bundestag erkennt Völkermord an den Jesiden an

Deutschland erkennt die Verbrechen des IS an Jesidinnen und Jesiden im Irak als Völkermord an. Die deutsch-jesidische Journalistin Düzen Tekkal hat lange für diesen Schritt gekämpft. Er bringe Heilung und Erleichterung, könne aber gleichzeitig nur ein Anfang sein, betont die Vorsitzende des Vereins "Hawar.help".

Für die Jesidinnen und Jesiden beginne 2014 eine neue Zeitrechnung, so Tekkal. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden damals zwsichen 5000 und 10000 Angehörige der Volksgruppe ermordet und über 7000 Frauen und Kinder entführt. "Wir waren die erste Generation, die nicht zu Augenzeugen eines Völkermords an unserer Religionsgemeinschaft wurde, und das hat der IS im August 2014 vernichtet", sagt Tekkal. "Insofern ist das für mich heute ein Tag der Erinnerung, des Schmerzes, aber auch der Erleichterung und der Heilung."

Tekkal: Anerkennung des Völkemords "existenziell bedeutend"

 

Die Anerkennung des Völkermords durch Deutschland sei für die Überlebenden existenziell bedeutend. "Nichts ist so schlimm wie der Schmerz, der übersehen wird", sagt Tekkal. Der Schritt trage ein Stück weit zur Traumabewältigung bei. "Es zeigt den Opfern von Vertreibung und Versklavung, dass die Weltgemeinschaft sie nicht vergessen hat."

Gleichzeitig könne die Anerkennung der Verbrechen nur ein Anfang sein. Tekkal fordert mehr Unterstützung für die gut eine Million Jesidinnen und Jesiden. "500 000 Jesiden leben in der Diaspora und die andere Hälfte muss in Camps verharren, eine Rückkehr in die Heimatregionen ist nicht möglich", sagt Tekkal. Der Verein "Hawar.help" fordere deshalb eine Zukunftsperspektive für die Religionsgemeinschaft. "Sonst geht der Völkermord weiter", sagt Tekkal.