Brasilia: Anhänger des ehemaligen brasilianischen Präsidenten Bolsonaro (hinten) geraten in der Hauptstadt mit Ordnungskräften aneinander
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Interview - Brasilien-Expertin: Land ist "tiefer gespalten, als befürchtet"

Radikale Anhänger von Brasiliens Ex-Präsident Jair Bolsonaro haben am Wochenende den Regierungssitz und das Oberste Gericht in der Hauptstadt Brasilia gestürmt. Vieles erinnere an den Sturm auf das US-Kapitol 2021, sagt Katharina Fietz, Brasilien-Expertin vom GIGA-Institut, dem Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien.

Seit den Wahlen im letzten Herbst habe es immer wieder Ausschreitungen von Bolsonaro-Anhängern gegeben, die den Wahlsieg von Luiz Inacio Lula da Silva nicht anerkennen, erklärt Fietz. Auch bereits seit Oktober habe es ein Camp der Protestierenden in Brasilia gegeben. Seit letzten Freitag seien - wohl organisiert über soziale Medien - immer mehr Bolsonaro-Anhänger in der Hauptstadt eingetroffen.

Fietz: Parallelen zum Sturm auf das US-Kapitol

 

Es gebe viele Parallelen zwischen den Ausschreitungen in Brasilia und dem Sturm auf das US-Kapitol vor der Amtseinführung von Joe Biden im Januar 2021, so die Expertin. Ebenso wie der US-amerikanische Ex-Präsident Donald Trump habe Bolsonaro seine Wahlniederlage nie eingestanden und sei der Amtseinführung seines Kontrahenten ferngeblieben. Ob Bolsonaro an der Planung der Attacken aktiv beteiligt war, sei nicht klar.

"Die Geschehnisse zeigen auf jeden Fall, wie tief gespalten das Land ist - vielleicht auch gespaltener als bisher befürchtet", sagt Fietz. Nach den Vorfällen vom Wochenende sei die Sorge groß, dass die Institutionen der noch relativ jungen brasilianischen Demokratie den Protesten nicht standhalten könnten. Der amtierende Präsident Lula stehe nun vor der Herausforderung, das tief gespaltene Land wieder einen zu müssen.