Eine Frau hat einen Galgen auf ihr Gesicht gemalt, um während einer Demonstration in Barcelona an die Ermordung von Mohsen Shekari zu erinnern.
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Interview - Politologe zu Protesten im Iran: Kluft zwischen Staat und Gesellschaft ist irreversibel

Wohl zum ersten Mal ist diese Woche ein Todesurteil im Zusammenhang mit den Protesten im Iran vollstreckt worden. Der Politikwissenschaftler Ali Fathollah-Nejad erklärt, warum die Menschen trotz drohender Strafen an dem revolutionären Protest festhalten.

Mit 23 Jahren wurde im Iran Mohsen Shekari hingerichtet, der gegen das Regime demonstriert hatte. Noch immer gebe es 18 000 Inhaftierte nach den Protesten, erklärt der deutsch-iranischen Politikwissenschaftler Ali Fathollah-Nejad und ergänzt: "Das iranische Parlament hat schon vor einigen Wochen signalisiert, dass diesen Menschen durchaus die Todesstrafe droht."

Dennoch gehe er nicht davon aus, dass das Regime durch diese Strafen beruhigen könne. Vielmehr werde die Wut mehr entfacht, so Fathollah-Nejad. Noch immer protestierten Hundertausende und der Protest habe eine neue Qualität erreicht, etwa durch die Aktionswoche mit einem Generalstreik.

Politologe: Sotßrichtung der Proteste ist eine revolutionäre

 

Der Experte, der als Politikwissenschaftler unter anderem an der FU Berlin und in Beirut arbeitet, hat am Freitag den Bundespräsidenten besucht, um seine Perspektive auf die Lage im Iran mit Steinmeier zu teilen. Der Politologe erklärt, es gebe keine Reformmöglichkeit der iranischen Politik - daher habe der Protest eine revolutionäre Stoßrichtung: "Es gibt eine Zeitenwende in den Köpfen der Menschen vor Ort."

Dass der Protest bereits fast drei Monate andauere, sei ein Teilerfolg. Die Menschen vor Ort treibe eine jahrzehnte lang angestaute Wut an. Zudem gebe es eine große Kluft zwischen Staat und Gesellschaft, "die in meinen Augen auch irreversibel ist", so Ali Fathollah-Nejad.