Afghanische Flüchtlinge kommen mit einem Flugzeug aus Islamaba
picture alliance/dpa/EUROPA PRESS | Alejandro Martínez Vélez
Bild: picture alliance/dpa/EUROPA PRESS | Alejandro Martínez Vélez Download (mp3, 9 MB)

Interview - "Kabul Luftbrücke" über deutsches Aufnahmeprogramm: "Eine Sache von Glück und Privilegien"

Mehr als ein Jahr nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan gibt es ein Aufnahmeprogramm der Bundesregierung für bedrohte Menschen aus dem Land. Tilly Sünkel, Projektleiterin bei "Kabul Luftbrücke", begrüßt zwar das Programm an sich, kritisiert aber die Umsetzung.

„Es ist auf jeden Fall gut, dass es das Programm gibt", sagt Sünkel. An der Umsetzung und dem Rahmen gebe es zwar einige Kritikpunkte, "aber grundsätzlich ist es auf jeden Fall notwendig." Erstens kritisiert Sünkel, dass sich betroffene Afghanen nicht selbst für das Programm eintragen könnten. Wie man auf der Liste der Bundesregierung lande, sei deshalb „eine Sache von Glück und Privilegien“ – und man brauche dafür Kontakte.

Zweitens müssten die Antragssteller in Afghanistan bleiben und dürften nicht aus einem anderen Land nach Deutschland kommen. Wer sich bereits in ein Nachbarland geflüchtet habe, käme also nicht infrage für das Programm der Bundesregierung.

"Wer sind wir, das zu tun?"

 

Außerdem müssten nun Nichtregierungsorganisationen wie „Luftbrücke Kabul“ auswählen, wer aus Afghanistan nach Deutschland kommen dürfe und wer nicht. „Das ist genau die Entscheidung, die wir nicht treffen wollen“, sagt Sünkel. Stattdessen sollte dies die Bundesregierung entscheiden. „Das können wir einfach nicht. Wer sind wir, das zu tun?“

1000 Menschen sollen künftig pro Monat aus Afghanistan nach Deutschland kommen können. „Das reicht auf keinen Fall“, sagt Sünkel. Bei „Kabul Luftbrücke“ hätten sie bereits seit mehr als einem Jahr 20.000 Antragssteller in der Datenbank und erhielten pro Woche etwa 200 weitere Anfragen. „Da hat man einfach keine Kapazitäten geschaffen“, kritisiert Sünkel die Bundesregierung.