Erschöpfter Arzt mit Mundschutz
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Interview - Intensivmediziner: Gesundheitssystem hat sich nicht verbessert

Auf den Intensivstationen liegen derzeit so viele Corona-Patienten wie seit April nicht mehr – gleichzeitig gibt es weniger Intensivbetten. 20 Prozent weniger als vor der Pandemie sind es in Berlin, erklärt Jörg Weimann vom Sankt Gertrauden-Krankenhaus. Das liege aber vor allem am fehlenden Personal. Gleichzeitig werden mehr Menschen aufgenommen, die Corona haben.

Auf den Intensivstationen der Krankenhäuser in Deutschland sind momentan so viele Patienten mit einer Corona-Infektion registriert wie zum letzten Mal Mitte April. Dazu liegen in den Krankenhäusern 50 Prozent mehr Menschen mit Corona als in der letzten Woche. Gleichzeitig sinkt die Anzahl der Intensivbetten, die zur Verfügung stehen.

Angespannte Situation in den Krankenhäusern

Jörg Weimann hat einen guten Überblick über die Situation in der Region. Er ist nicht nur Chefarzt der Intensivmedizin am Sankt Gertrauden-Krankenhaus, sondern koordiniert auch wöchentliche Treffen der Berliner und Brandenburger Intensivmediziner – als Vorsitzender des Berufsverbands der Anästhesisten in Berlin. Er führt die angespannte Lage in den Kliniken auch auf die personelle Ausstattung zurück. Man habe etwa 20 Prozent weniger Intensivbetten, weil das Personal dafür fehlt, diese belegen zu können. Gleichzeitig steige der Ausfall wegen Corona-Infektionen beim Personal, das dann in Quarantäne muss. Dazu würden wieder mehr Patienten mit Corona aufgenommen. Jedoch kann man nicht genau unterscheiden, ob es sich dabei um Patienten handelt, die wegen oder mit Corona aufgenommen werden, erläutert der Intensivmediziner.

Mildere Verläufe führen seltener auf die Intensivstationen

Dennoch bleibt der Eindruck, das die anstehende Corona-Welle die Intensivstationen nicht so belasten werde, wie die vorherigen. Betroffen seien dann auch die Normalstationen: "Man muss nun mal sehen, dass ganz deutlich die Schwere, der Schweregrad der Erkrankung, [...] ist durch die Omikron-Varianten doch geringer, als wir das so von Alpha, Delta oder ganz zu Anfang gekannt haben." Man werde krank und müsse unter Umständen ins Krankenhaus, "aber die Wahrscheinlichkeit, auf die Intensivstation zu müssen oder gar zu versterben, ist doch durch Omikron deutlich geringer geworden. Das sagt aber nichts über die Belastung aus, denn auch auf den Intensivstationen fehlt uns das Personal."

Maskenpflicht um Krankenhäuser zu entlasten

Das Personal habe vor der Pandemie gefehlt, genauso wie jetzt. Zudem habe es nach den ersten Wellen eine Abwanderung von Personal gegeben."Und so trifft nun diese kommende Welle, dieser kommende Herbst auf ein Gesundheitswesen, was ja wirklich malträtiert ist und auch in dem sich ja keineswegs etwas verbessert hat zum Guten, sondern es eher schlimmer und prekärer wird." Er könne verstehen, dass die Berliner Gesundheitssenatorin Gote eine Rückkehr zur Maskenpflicht fordert. "Die Inzidenzen sagen uns gar nichts mehr." Der einzige Maßstab, den man habe, ist die Situation in den Krankenhäusern, so Weimann.