Blick auf Rohrsysteme und Absperrvorrichtungen in der Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 2.
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Interview - Verwundbares Energienetz: Digitalisierung besser verstehen

Nach dem möglichen Sabotageakt an den Nord-Stream-Gaspipelines stellt sich die Frage: Wie verwundbar ist die kritische Infrastruktur in Deutschland? Manuel Atug von der unabhängigen Arbeitsgruppe Kritis empfiehlt, auf Erneuerbare Energien zu setzen und nicht auf eine einzige Pipeline. Auch die Digitalisierung spiele eine entscheidende Rolle.

Die Gasleitungen Nordstream 1 und 2 sind sehr robust gebaut. Aus Beton und Stahl. Sie liegen 70 Meter tief auf dem Ostseegrund. Geschützt sind sie dadurch aber anscheinend nicht. Das zeigen die mittlerweile vier großen Lecks in den Leitungen deutlich.

Manuel Atug ist Experte für kritische Infrastrukturen. Er setzt sich unter anderem dafür ein, den Katastrophenschutz zu stärken. Seine Hauptempfehlung: Auf Erneuerbare Energien umschwenken und nicht nur auf eine einzige Pipeline zu setzen, "denn ein Single Point of Failure, also ein einziger Abhängigkeitsgrad, ist natürlich immer eine Verwundung und keine Resilienz und keine Redundanz. Wir wollen ja widerstandsfähig gegen solche Bedrohungen werden."

Bedrohungsszenarien nicht neu

Bundesinnenministerin Nancy Faeser sagte, man müsse sich auf Szenarien einstellen, die bis vor kurzem unvorstellbar waren. Atug hält dagegen: "Unvorstellbar sind die in den Katastrophenschutz- und Sicherheitskreisen nicht. Das ist ein alter Hut." Denkbar wäre, dass auch Unterseekabel angegriffen werden. "Im Militär nennt man die Vorgehensweise 'Schutz und Verteidigung kritischer Infrastruktur in den tiefen des Ozeans', also Kommunikationsnetze, Öl, Gasförderung, Transport von Energie etc., aber auch die gegnerische Infrastruktur im Kriegsfall anzugreifen - "Seabed Warfare" - also das ist schon seit Jahrzehnten eigentlich bekannt." Geheimdienste und Militär seien schon immer sehr interessiert an all diesen Kabelsträngen gewesen. Das habe beispielsweise Edward Snowden publik gemacht.

Digitalisierung besser verstehen

Was bisher eher unwahrscheinlich ist, sind Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur, weil sie sehr komplex seien und eine hohe Fehlerwahrscheinlichkeit hätten. Zudem könne man analoge mechanische Schutzmechanismen wie Überdruckausgleichventile nicht digital ausschalten. Mit zunehmender Digitalisierung steigt die Bedrohung, so der Experte für kritische Infrastrukturen. Damit Deutschland besser geschützt ist, müsse die Digtalisierung bei den Entscheiderinnen und Entscheidern erst einmal ankommen.

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