ARCHIV - 21.12.2004, Schleswig: Der russische Präsident Wladimir Putin (r) spricht mit dem ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow
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Interview - Historikerin: Putin stellt sich als Anti-Gorbatschow dar

Während der verstorbene Michail Gorbatschow im Westen gefeiert wird, verachten ihn in Russland manche als den "Totengräber des Imperiums". Deswegen stelle sich Wladimir Putin auch als eine Art "Anti-Gorbatschow" dar und mache alle seine Errungenschaften rückgängig, sagt die Historikerin Liana Fix von der Körber-Stiftung.

Im Westen sind die Würdigungen des verstorbenen Michail Gorbatschow einstimmig: Friedensnobelpreisträger, Vater der deutschen Wiedervereinigung, der Staatspräsident, der den Völkern der Sowjetunion das Tor zur Freiheit öffnete. In Russland wird zwar offiziell Beileid bekundet, viele Freunde hatte der oppositionelle Gorbatschow aber nicht. Als "Totengräber des Imperiums" wurde er von manchen verachtet.

Insbesondere Wladimir Putin gilt als Feind Gorbatschows. Den von ihm ausgelösten Zusammenbruch der Sowjetunion bezeichnet Putin als "die größte geopolitische Katastrophe". Die Historikerin Liana Fix von der Körber-Stiftung sagt, Putin stelle sich auch mit dem Krieg gegen die Ukraine als "Anti-Gorbatschow" dar: Alles, was dieser zugelassen habe an Offenheit, habe Putin rückgängig gemacht.

Oligarchie "nicht der Weg, den Gorbatschow gesehen hat"

Die heutigen russischen Patrioten sahen Russland durch Gorbatschow als Verlierer des kalten Krieges und wollten den Weg der Aufarbeitung der eigenen Geschichte nicht weiter vorangehen. "Damit wird die Geschichte und die Rolle, die Gorbatschow gespielt hat im heutigen Russland nur noch als Waffe eingesetzt, um politische Ziele zu verfolgen."

Auch den Kapitalismus, den Gorbatschow ermöglicht hatte, habe Putin gemeinsam mit den Oligarchen "pervertiert, indem sie den Staat und die Ressourcen des Staates zur Geisel genommen haben. […] Das ist sicherlich nicht der Weg, den Gorbatschow gesehen hat. Er hatte sich Russland eher wie eine soziale Marktwirtschaft vorgestellt und nicht wie eine Oligarchie, die russische Ressourcen für die Interessen einer kleinen Elite ausnutzt."

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