Eine Frau, die zusammen mit weiteren Ortskräften aus Afghanistan auf dem Gelände der DRK-Flüchtlingshilfe in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Brandenburg angekommen ist, sitzt in einem Zelt (Bild: dpa / Patrick Pleul)
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Interview - Bundeswehrhauptmann Grotian: Mehr als 10.000 Ortskräfte und Angehörige noch in Afghanistan

Beim Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan vor einem Jahr wurden viele afghanische Ortskräfte einfach zurückgelassen. Obwohl viele von ihnen inzwischen eine Aufnahmezusage hätten, kümmere sich die Bundesregierung nicht um ihre Evakuierung, kritisiert der Bundeswehrhauptmann Marcus Grotian.

Als die westlichen Mächte vor einem Jahr ihre Truppen aus Afghanistan abzogen, gerieten alle Afghanen und Afghaninnen, die mit den westlichen Militäreinheiten zusammengearbeitet hatten, in Lebensgefahr. Für die Taliban, die wenig später wieder die Macht in Afghanistan übernahmen, gelten die sogenannten Ortskräfte als Verräter. Durch den überstürzten Abzug des Westens wurden viele von ihnen in großer Gefahr zurückgelassen.

Auch die Bundeswehr war in Afghanistan auf die Unterstützung solcher Ortskräfte angewiesen. Laut Angaben der Bundesregierung sollen inzwischen rund 23.000 Menschen, ehemalige Ortskräfte und deren Familien, nach Deutschland in Sicherheit gebracht worden sein. Rund 10.000 weitere Ortskräfte und Familienangehörige sollen sich aber noch weiter in Afghanistan befinden, sagt Marcus Grotian, Bundeswehrhauptmann und Vorsitzender des Patenschaftsnetzwerks Ortskräfte Afghanistan.

Keine Unterstützung der Bundesregierung bei Evakuierungen

 

Eigentlich stünden die Chancen für diese Ortskräfte sehr gut, ebenfalls nach Deutschland zu kommen, wenn sie eine Aufnahmezusage hätten und mit dem Patenschaftsnetzwerk in Kontakt stehen, erklärt Grotian. Doch leider müsse man die Evakuierung dieser Ortskräfte und ihrer Familien aktuell ausschließlich durch Spenden finanzieren. "Wir hätten uns gewünscht, dass uns die Regierung da auch hilft." Doch aus den Plänen der Bundesregierung in diesem Sommer weitere 7.000 Menschen nach Deutschland zu holen, sei bisher nichts geworden.

Obwohl er sich keine unmittelbare Hilfe für die verbliebenen Ortskräfte davon verspricht, fordert der Bundeswehrhauptmann auch weiterhin eine schonungslose Aufarbeitung der Fehleinschätzung der deutschen Politik. "In den Niederlanden sind drei Minister zurückgetreten und die haben es wesentlich besser gemacht als wir in Afghanistan.“ Es sei wichtig aufzuarbeiten, wie es überhaupt zu dem Desaster kommen konnte, dass auch die afghanischen Ortskräfte der Bundeswehr nun ausbaden müssten.

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