Teilnehmer einer Demonstration gegen den Vortrag der Biologin Vollbrecht im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften stehen vor dem Hauptgebäude der Berliner Humboldt-Universität (Bild: dpa)
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Interview - Professor zu Vortragsabsage: "Deutungsvielfalt wird hier gefährdet"

Der Vortrag einer Biologin bei der Langen Nacht der Wissenschaften an der Berliner Humboldt-Universität ist wegen angekündigter Proteste abgesagt worden. "Ich halte das für keine gute Idee", sagt Professor Jörg Baberowski. Er sieht die Wissenschaftsfreiheit in Gefahr.

Jörg Baberowski ist Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seiner Ansicht nach hat die Universitätsleitung den Vortrag der Biologin Marie-Luise Vollbrecht mit dem Titel ""Geschlecht ist nicht gleich (Ge)schlecht. Sex, Gender und warum es in der Biologie nur zwei Geschlechter gibt." abgesagt, weil sie in ihren Räumen keinen Ärger haben wollte. "Ich halte das für keine gute Idee."

Man gebe den Gegnern des Vortrags das Gefühl, dass sie "mit solchen Aktionen etwas erreichen können. Und das ist ein fatales und falsches Signal." Die Universität vermittle den Eindruck, man müsse nur lautstark auftreten, dann könne man unliebsame Thesen einfach von der Bühne wichen, so Baberowski.

Absage des Vortrags zu biologischen Geschlechtern "fatales Signal"

 

"Wenn das Standard wird, dass irgendwelche Gruppen aus welchen Motiven heraus auch immer mit Drohungen verhindern können, dass wissenschaftliche Positionen dargestellt werden können, dann ist das eine Gefahr für die Wissenschaftsfreiheit an den Universitäten", sagt der Professor.

Es gehe im aktuellen Fall nicht um den Austausch von Argumenten, sondern um Machtfragen. An Universitäten gehe es aber nicht um Deutungshochheit, sondern um Deutungsvielfalt. Diese sieht der Professor in Gefahr. Außerdem spricht er sich dagegen aus, der Vortrag in einem anderen Rahmen zu halten. Denn es gehe um eine Diskussion im Fach Biologie, so Baberowski.

Hintergrund

Humboldt-Universität sagt Vortrag ab -

An der Humboldt-Universität zu Berlin gibt es eine Kontroverse über Gender-Politik.

Die Universität hat am Samstag einen geplanten Vortrag über biologische Geschlechter abgesagt. Der „Arbeitskreis kritischer Jurist*innen an der Humboldt Uni Berlin" hatte zu Protesten gegen den Vortrag der Biologin Marie-Luise Vollbrecht aufgerufen und erklärt, diese verbreite queer- und transfeindliche Thesen.

Ein Sprecher der Universität begründete die Absage im rbb damit, dass die Gefahrenlage im Umfeld der Langen Nacht der Wissenschaften nicht abzuschätzen gewesen sei.

Vollbrecht sagte ebenfalls im rbb, biologische Tatsachen seien unabhängig von Genderdiskussionen zu sehen.