Der britische Premierminister Boris Johnson gestikuliert in seinem amtssitz in London (Bild: dpa)
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Interview - Politologe: "Johnson hat keine Mehrheit im Parlament mehr"

Boris Johnson hat ein Misstrauensvotum in seiner eigenen Partei wegen der "Partygate"-Affäre überstanden. Dennoch ist der britische Premier angeschlagen. Er sei zu stark, um gestürzt zu werden, aber zu schwach, um das Land zu regieren, sagt der britische Politologe Alexander Clarkson.

Johnson habe nur noch 211 Abgeordnete seiner eigenen Partei hinter sich. Viele andere Tory-Abgeordnete hätten sich dagegen öffentlich gegen ihn gestellt und auch nach der Abstimmung weiter einen Regierungswechsel gefordert. "Das heißt, er bleibt Chef der Regierung, aber er hat jetzt keine Mehrheit im Parlament", sagt Clarkson.

Clarkson: Idealer Zustand für die Opposition

 

Es seien bereits mehrere Gesetzesentwürfe der Regierung im Parlament gescheitert. Johnson sei zu stark, um gestürzt zu werden, aber zu schwach, um das Land zu regeieren. Die Arbeit im Parlament werde dadurch zum Stillstand kommen.

Man habe nun eine eignentlich regierungsunfähige Regierung, die trotzdem nicht gestürzt werden könne. "Das ist eigentlich ein idealer Zustand für die Opposition", sagt der Politologe. Für ein Land wie Großbritannien, in dem vieles im Argen liege und in dem es dringend Reformen brauche, sei dies aber höchst problematisch.

Hintergrund

Johnson gewinnt Vertrauensabstimmung -

Der britische Premierminister Boris Johnson hat ein Misstrauensvotum in seiner konservativen Fraktion überstanden.

Wie der Vorsitzende des zuständigen Parteiausschusses, Graham Brady, am Montagabend in London bekannt gab, hat eine Mehrheit der Abgeordneten dem Regierungschef das Vertrauen ausgesprochen. 211 Parlamentarier stellten sich hinter Johnson, 148 stimmten gegen ihn. Auslöser für die Abstimmung war die Affäre um Partys in Johnsons Amtssitz während des Corona-Lockdowns.