Sitze des leeren Plenarsaals des Deutschen Bundestages sind von der Besucherterrasse aus durch eine Scheibe zu sehen.
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Interview - Ampelkoalition will Wahlrecht reformieren

Die Ampelkoalition plant eine kleine Revolution: Sie will unser Wahlrecht so reformieren, dass am Ende der Bundestag deutlich schlanker wird, nur noch maximal 598 Sitze vergeben werden. Möglich sei das durchaus, sagt Politikwissenschaftler Thorsten Faas, doch man müsse auch einen Preis dafür zahlen.

"Der Preis wäre: Aus manchen Wahlkreisen würden eben nicht der Kandidat entsandt werden, der die meisten Stimmen geholt hat, sondern ein anderer", sagt Faas. Er erklärt die Pläne der Ampelkoalition. Grundsätzlich gehe es um die "Wurzel des Übels: die Überhangmandate". Das proportionale Wahlsystem besage, dass der Bundestag widerspiegelt, wie die Wähler und Wählerinnen ihre Zweitstimmen bei der Wahl vergeben haben. Dadurch, dass Parteien aber oft mehr Wahlkreise gewinnen, als ihnen eigentlich durch die Zweitstimmen zustehen, entstünden die Überhangmandate.

Damit es weiterhin fair bleibe, würden Ausgleichsmandate vergeben, so Faas. Auf diese Weise ist der aktuelle Bundestag auf insgesamt 736 Sitze angewachsen. SPD, Grüne und FDP würden nun vorschlagen, dass Parteien, die Überhangmandate erzielen, "quasi die schlechtesten Mandate, die in Wahlkreisen gewonnen werden, dort, wo […] der Stimmenanteil am geringsten ist, die geben wir dann nicht mehr der Partei, die sie eigentlich gewonnen hat, sondern […] die kriegen dann andere Parteien". Das sei durchaus ein "eleganter Kompromissvorschlag", dessen Durchsetzung auch "nicht unrealistisch" ist, meint der Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin.