Apple App Store auf einem iPhone: Telegramm Messenger
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Interview - Morddrohungen auf Telegram: Lindh (SPD) sieht zunehmende Enthemmung

Inzwischen werden im Messenger-Dienst Telegram täglich Tötungsandrohungen verschickt, so eine Recherche von tagesschau.de und Funk. Auch der Bundestagsabgeordnete Helge Lindh (SPD) hat dies gegen sich erlebt. Er berichtet von seinen Erfahrungen und sagt, neben Morddrohungen nehme auch aggressives Verhalten zu.

Helge Lindh, der im Innenausschuss des Bundestags sitzt, berichtet, dass er bereits vor Corona erlebt habe, was für einen Raum Morddrohungen im digitalen Raum einnehmen. Nun erlebe er das zunehmend auch im "Querdenker-Bereich, nicht nur was Morddrohungen betrifft, sondern auch was aggressives Verhalten angeht." Lindh berichtet von einem entsprechenden Vorfall am Dienstag.

Lindh: Zunehmende Enthemmung und Radikalisierung

 

"Ich kann das leider nur bestätigen und sehe da eine zunehmende Enthemmung und auch Radikalisierung und auch sehr fragwürdige Thesen in Bezug auf unsere Demokratie", so Lindh. Im Bundestag tausche man sich unter den Abgeordneten zu wenig über diese Erfahrungen aus, sagt der SPD-Politiker. Er selbst versuche, sich nicht von der Angst beherrschen zu lassen "und gehe da eher offensiv mit um - also in den demokratischen Gegenangriff - und mache das dosiert auch immer wieder öffentlich."

Forderung an Gesetzgeber und an die Gesellschaft

 

Man müsse darauf achten, dass etwa das Netzwerkdurchsetzungsgesetz auch funktioniere: "Das macht nur Sinn, wenn beim Bundeskriminalamt die Informationen ankommen, wenn die Meldepflicht umgesetzt wird, wenn auch wirklich Löschungen erfolgen." Andernfalls müsse der Gesetzgeber nachsteuern. Es müsse zudem möglich sein, dass die Personen in solchen Chatgruppen identifiziert und bestraft werden.

Darüber hinaus wünscht sich der SPD-Politiker auch eine Kultur der Gegenrede: "Und das heißt, dass die schweigende große Merhheit auch lauter werden muss", so Lindh.

Hintergrund

Viele Mordaufrufe auf Telegram -

Im Messanger-Dienst Telegram werden fast täglich Tötungsaufrufe gegen Politiker, Journalisten und Experten verbreitet.

Die tagesschau.de-Redaktion hat Chat-Gruppen der vergangenen Monate ausgewertet.

Demnach kommen die Urheber der Hass-Botschaften aus der Szene der Impfgegner und Verschwörungs-Anhänger. Viele der Tötungsaufrufe erscheinen unter Klarnamen.

Mit Beginn der Debatte über eine Corona-Impfpflicht Mitte November habe die Anzahl solcher Aufrufe sprunghaft zugenommen, so die Recherche.

In der Bundespolitik gab es zuletzt vermehrt die Forderungen, die gesetzlichen Auflagen gegenüber dem Messengerdienst zu verschärfen.