Spielzimmer in einem Frauenhaus
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Reporter - Wenn Frauen fliehen müssen

Jede vierte Frau in Deutschland erlebt Schätzungen zufolge mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt in der Partnerschaft. Ein wichtiger Schutzraum für Betroffene sind Frauenhäuser, in denen sie Zuflucht finden können. In Brandenburg gibt es davon 22 - und sie reichen nicht aus. Von Nico van Capelle

Hier gibt es Hilfe

Betroffene Frauen in Brandenburg finden Hilfe über das Netzwerk der brandenburgischen Frauenhäuser e.V. - auf der Website sind für jede Region die Telefonnummern der Frauenhäuser aufgeführt.

Betroffene Frauen in Berlin können sich über die BIG-Hotline einen Platz in einem Frauenhaus vermitteln lassen: 030 / 611 03 00 - unter dieser Nummer bekommen auch Personen aus dem Umfeld der Frauen Hilfe und Beratung. Auch die Frauenberatungsstellen in Berlin können helfen.

Außerdem gibt es ein bundesweites "Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen". Die Nummer 08000 116 016 ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar.

Bei akuten Fällen von häuslicher Gewalt rufen Sie bitte immer die Polizei unter der 110 an.

Die Gewalt beginne oft schleichend, sagt Martina Rogge, Sozialpädagogin und seit 23 Jahren Mitarbeiterin eines Frauenhauses in Brandenburg. Ihr richtiger Name lautet anders, auch sie muss sich schützen. "Ich habe immer noch den Slogan im Kopf: 'Der gefährlichste Ort für Frauen ist das eigene Zuhause'", sagt sie.

Die Frauen in ihrer Einrichtung seien sehr verschieden, sie verbinde nur eines: Die Gewalterfahrung. Typisch sei etwa, dass der Mann sie sozial isoliere und kontrolliere, sie manchmal auch einsperre. "Wenn man eine Frau fragt, wann es denn angefangen hat, dann können sie es meistens gar nicht sagen", so Rogge. "Deswegen ist es auch so schwierig, irgendwann zu erkennen: Irgendwie läuft hier gerade richtig etwas schief."

Petra Brzank, Professorin für Soziologie und promovierte Gesundheitswissenschaftlerin an der Universität NordhausenPetra Brzank, Professorin für Soziologie und promovierte Gesundheitswissenschaftlerin an der Universität Nordhausen

Viel zu wenig Hilfsangebote in Brandenburg


Die Situation rund um die Frauenhäuser in Brandenburg sei "desolat", sagt Petra Brzank. Sie ist Soziologie-Professorin an der Universität Nordhausen und hat im Auftrag der brandenburgischen Landesregierung ein Gutachten zu den Thema verfasst. "Es gibt viel zu wenig Plätze bei viel zu vielen Aufgaben und zu wenig Ressourcen", sagt sie. "Bestimmte Regionen sind sehr schlecht versorgt - sowohl was Schutzplätze anbelangt als auch Beratungsangebote."

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind die Hilfseinrichtungen laut Brzank in einigen Gegenden nur mit vielen Stunden Anfahrt erreichbar - oder am Wochenende auch gar nicht. "Und es kann nicht sein, dass der Wohnort - ob ich in Brandenburg oder in Baden-Württemberg lebe - darüber entscheidet, ob ich bei Gewalt in der Paarbeziehung nach drei Jahren noch lebe", so die Professorin.

Ministerin Nonnemacher macht kaum Hoffnung


Brzank fordert die Politik auf, Geld in die Hand zu nehmen, um den Schutz für die Frauen zu gewährleisten. Doch die zuständige Sozialministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) sagt: "Das wird schwierig." Man müsse schauen, wie man gute Politik mit möglichst wenig finanziellem Aufwand hinbekomme.

Brandenburg habe sich beim Bundesprogramm zum Ausbau der Frauenhäuser beworben, so Nonnemacher - damit könnten zu den vorhandenen 300 Plätzen 60 neue Plätze hinzukommen. Und für die Haushaltsverhandlungen in Potsdam verspricht sie: "Ich werde kämpfen wie eine Löwin." Und dann müsse man sehen, was möglich sei.

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