ARCHIV, Berlinn, 07.11.2019: Sahra Wagenknecht, damals Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke, steht im Bundestag am Rande eines dpa-Interviews (Bild: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild)
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- Sahra Wagenknecht - Die Intoleranz der Linken

Viele halten die Diskussionskultur in Deutschland für schwer beschädigt. Schuld an den stark moralisierend geführten Debatten ist nach Einschätzung von Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht ausgerechnet der Linksliberalismus. Mit ihr spricht Sabina Matthay.

Die Beobachter der Debattenkultur sind uneins über die Wurzel des Übels: mal heißt es, die Deformation der zivilisierten Auseinandersetzung sei der vielleicht bedrohlichste Kollateralschaden der Corona-Pandemie, andere verweisen dagegen auf Identitätspolitik und Cancel Culture. Zu letzteren gehört Sahra Wagenknecht.

Schuld sind "Lifestyle-Linke"

Sie legt die Beschädigung der Gesprächskultur einer "Lifestyle-Linken" zur Last, die andere belehren wolle, etwa durch eine vermeintlich geschlechtergerechte Sprache: "Wenn sie im Journalismus immer dominanter wird, führt das natürlich eher zu einer Abwehrreaktion bei denen, die finden, dass ist eine Entstellung der deutschen Sprache, entspricht ja auch nicht den Regeln der deutschen Sprache. Und sie fühlen sich erzogen. Sie haben das Gefühl, gerade wenn im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sehr viel gegendert wird, dass das sozusagen aus einer Erziehungsintention heraus passiert und sie auch bitte schön auch ihre Sprache verändern sollen. In der Regel erreicht man noch nicht mal damit, dass jetzt alle freudig gendern, sondern dass sich dagegen Aversionen aufbaue."

Lebensstil als Tugend, die man sich leisten muss

Wagenknecht kritisiert die Deutungshoheit von gutsituierten Leute, die nicht mit den Problemen von Schlechtergestellte konfrontiert werden. "Es ist einfach diese Überheblichkeit", so Wagenknecht. "Wir haben heute einfach ein relativ gut gebildetes, akademisches, gut situiertes Milieu, das wohnt überwiegend in den großen Städten. Und ein Teil davon neigt dazu, tatsächlich die eigene Art des Lebens, auch die eigenen Werte, auch die eigenen Prioritäten, für den Inbegriff progressiven Lebens zu halten. Und natürlich will ich keine amoralische Politik, aber ich möchte nicht, dass Dinge moralisiert werden, wo es eigentlich um den persönlichen Geldbeutel geht."

Wanderwitz-Äußerung: Arrogant und überheblich

In demokratiefeindlichen Einstellungen sieht sie kein vorrangig ostdeutsches Phänomen. Entsprechende Äußerungen des Ost-Beauftragten der Bundesregierung, Marco Wanderwitz (CDU), seien an Arroganz und Überheblichkeit nicht zu überbieten, sagte Wagenknecht im Inforadio. Das Problem liege vielmehr darin, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung sich von der Politik nicht mehr vertreten fühle. Das gelte für Ost wie West.


Buchinfos

Sahra Wagenknecht: Die Selbstgerechten. Mein Gegenprogramm - für Gemeinsinn und Zusammenhalt
Campus Verlag
345 Seiten
24,95 Euro

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