Prof.Dr. Jens Reich
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- Jens Reich: Ein Leben zwischen Wissenschaft und Politik

Der Wissenschaftler Jens Reich hat als Mitbegründer des "Neuen Forums" zum Ende der DDR beigetragen, des Systems, das ihn auch jahrelang in seiner wissenschaftlichen Arbeit behinderte. Doch für die Politik war er nie gemacht, sagt er heute, mit 80 Jahren. Inforadio-Wissenschaftsredakteur Thomas Prinzler hat Jens Reich getroffen und mit ihm über das wissenschaftliche Leben und Arbeiten in und nach der DDR gesprochen.

Prof.  Jens Reich ist nicht nur als Molekularbiologe und Bioinformatiker bekannt. Er war als  Mitbegründer der DDR-Bürgerrechtsbewegung Neues Forum und späterer Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten auch politisch engagiert. Der heute 80-Jährige ist immer noch aktiv, ist regelmäßig in seinem Büro im  Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin in Berlin-Buch. Nicht täglich, er lasse es durchaus ruhiger angehen, erzählt er im Gespräch im neuen Berliner Institut für molekulare Systembiologie – das praktisch seine in den 70er Jahren in Buch begonnene Arbeit fortsetzt.

Damals schon interessierten ihn die Zusammenhänge von gesunden und kranken Zellen – aber auch das Funktionieren oder eben nicht Funktionieren der DDR.  Er gründete schon 1970 den sogenannten Freitagskreis, um über gesellschaftliche Probleme der DDR mit Gleichgesinnten zu diskutieren. Allein das reichte aus, ins Visier der Staatsicherheit zu geraten – Überwachung durch IMs und berufliche Repressalien waren bald die Folge – Reich konnte zwar in Buch weiter forschen, verlor aber die Abteilungsleitung und  die Professur.

"Ich bin nicht unzufrieden"

In den 80er-Jahren wurde ihm und vielen seiner Freunde klar, dass die DDR am Ende ist, dass etwas geschehen müsse. So gründete er mit Bärbel Bohley, Sebastian Pflugbeil, Katja Havemann und anderen am 10. September 1989 das Neue Forum, veröffentlichten sie den Apell "Die Zeit ist reif – Aufbruch 89" für eine Reform der DDR.

Aus heutiger Sicht war es naiv, an eine Reform der DDR zu glauben, sagt Reich. Nach dem Aufruf wurde er von vielen Kollegen geschnitten, engagierte sich aber für eine demokratische Umgestaltung der DDR, beendete seine politische Karriere als Volkskammerabgeordneter  jedoch mit der Wiedervereinigung.

Die Wissenschaft rief, sagt er, und er sei für die Politik ungeeignet: "Ich bin zu langsam, ich liebe es, mich schriftlich oder mit Lektüre gründlich vorzubereiten, kriege Thesen nicht schnell genug zusammengefasst." Und so wurde Jens Reich wieder Forscher - Bioinformatik am MDC, Mitarbeit am Humangenomprojekt – aber er ist immer auch wachsamer Bürger, der sich in die aktuellen gesellschaftlichen Belange publizistisch einmischt. Und wie sieht seine Bilanz der letzten 30 Jahre aus? "Es ist eine Bilanz, wo ich nicht unzufrieden bin."

Understatement oder Trauer? Möglicherweise beides. Jens Reich hat zum Ende der DDR beigetragen, des Systems, das ihn auch jahrelang in seiner wissenschaftlichen Arbeit behinderte.