Eine Kehrmaschine entfernt Reifenabrieb
Harald Sommer/Ingenieurgesellschaft Sieker mbH
Bild: Harald Sommer/Ingenieurgesellschaft Sieker mbH

- Mikroplastik auf Straßen

Jedes Jahr gelangen in Berlin Unmengen an Mikroplastik über die Straßenabflüsse in unsere Flüsse und Seen. Der Löwenanteil ist Reifenabrieb, den Forscher der TU Berlin mit einem neu entwickelten Regenwasserfilter aufhalten möchten. Da sie jedoch nicht alle 190.000 Gullys der Stadt damit ausrüsten können, suchen sie nach den Mikroplastik-Hotspots und erforschen, wie man Reifenabrieb noch reduzieren kann. Ein Beitrag von Maren Schibilsky mit Einzelheiten.

In einer Fahrzeughalle der Berliner Stadtreinigung wird auf einer zehn Meter langen Strecke Straßendreck verteilt. Rund 150 Gramm pro Quadratmeter. Der Straßendreck ist Teil eines Versuchs, eine Mischung aus Reifenabrieb, Sand und sehr feinem Gesteinsmehl, um auch die ganze Palette von Korngrößen abprüfen zu können, sagt Harald Sommer.

Keine verlässlichen Zahlen über Mengen

Harald Sommer von der Ingenieurgesellschaft Sieker gehört zu einer Forschergruppe, die unter der Leitung der TU Berlin dem Reifenabrieb auf den Grund gehen will. Denn die winzigen Gummipartikel und Polymeranteile von Autoreifen sind ein großes Umweltproblem, wenn sie nach Regenfällen über die Straßenabflüsse in unsere Flüsse und Seen gespült werden. Sie reichern unsere Gewässer mit Mikroplastik an, das dort Jahrhunderte überdauert. Daniel Venghaus, Projektleiter von der TU Berlin: "Wir wollen verstehen, wie groß und schwer die Partikel  sind, sie zuerst auf der Straße und dann im Straßenablauf zu finden sind. uf der Straße und die wir später im Straßenablauf finden."

Denn verlässliche Zahlen über die Mengen an Reifenabrieb auf unseren Straßen gibt es nicht. Nur deutschlandweite Hochrechnungen, die so um die 110.000 Tonnen pro Jahr liegen, die allerdings nicht weiterhelfen, wenn es darum geht, wirksame Maßnahmen zu entwickeln.

Mühsame Kleinstarbeit

Daniel Venghaus und sein Team wollen die Hotspots finden. Seit Monaten fegen sie auf Berlins Straßen und untersuchen den Straßendreck im Labor: "Wir kehren an verschiedenen Stellen in Berlin, die wir als Hotspots erstmal identifiziert haben oder für Hotspots halten. (...) Wir haben auch schon auf dem Flughafen Schönefeld gefegt. Dieses Kehrrichtmaterial, das wir mit einem speziellen Besen aufnehmen, sieben wir danach in verschiedene Fraktionen."

Den Reifenabrieb aus dem Straßendreck herauszuholen, ist mühsame Kleinstarbeit – erzählt der TU-Forscher. Doch nur so können sie herausfinden, wo die Hotspots sind und wo der Einsatz des neuen Regenwasserfilters am meisten Sinn macht. Den haben sie zusammen mit Industriepartnern in den letzten Jahren entwickelt. Er hält bis zu 90 Prozent Mikroplastik in Straßenabflüssen zurück: "Im Gesamtmaßnahmekatalog ist so ein Filter aber nur eine Möglichkeit, den Reifenabrieb ins Gewässer zu reduzieren oder zu verhindern. Weitere Maßnahmen sind präventiv. Man kann durch eine bestimmte Verkehrsführung die Belastungen auf den Reifen reduzieren und dadurch verhindern, dass Reifenabrieb überhaupt entsteht an bestimmten Hotspots. Wir erwarten  auch, dass wir mit der Straßenreinigung die Straßenverschmutzung, in der auch der Reifenabrieb enthalten ist, aufnehmen, bevor er vom Regenwasser abgespült wird."

Das Ziel: Ein Maßnahmen-Katalog

Wie viel Reifenabrieb so eine Kehrmaschine aufnimmt und ob man die Reinigungsleistung noch optimieren kann, steht jetzt im Mittelpunkt des Versuchs. Für die Berliner Stadtreinigung ein neues Thema - gesteht Projektpartner Björn Weiss: "Der Reifenabrieb war bisher nie ein Thema, das für und im Fokus stand. Aber wir sind sehr daran interessiert, der Forschung zu helfen."

Die Kehrmaschine ist bereit. Mit einer Leistung von 50 Haushaltsstaubsaugern nimmt sie den Straßendreck innerhalb von 30 Sekunden auf. Nur wenige Partikel bleiben auf der Versuchsfläche zurück: "Augenscheinlich ist die Reinigungsleistung sehr gut. Das Material aufgenommene Material wird dann gewogen und fraktioniert. Dann wissen wir, wie gut die Reinigungsleistung wirklich war."

Am Ende wollen die Forscher ein Know-How entwickeln, mit dem sie die Mengen an Reifenabrieb auf unseren Straßen sicher bestimmen und reduzieren können. Daniel Venghaus von der TU Berlin: "Ziel ist es, einen Maßnahmekatalog zu erstellen bzw. vorzuschlagen, mit dem Kommunen und Behörden direkt arbeiten können."

Bis 2020 wird das aber noch dauern.

 

 

 

 

 

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