Wolfsrudel im Herbst
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- Das Gesetz der Herde: "Wir wollen einem Führer folgen"

Sein Metier sind kleinste Teilchen - so genannte Nanopartikel, so groß wie der millionste Teil eines Millimeters. Gerd Ganteför ist Physik-Professor an der Universität Konstanz und Autor populärwissenschaftlicher Bücher. Diese Woche ist sein neues Buch erschienen: "Das Gesetz der Herde - Von Primaten, Parolen und Populisten". Was die miteinander zu tun haben - und welche Parallelen er da in der Welt der kleinsten Teilchen sieht, darüber hat Thomas Prinzler mit Gerd Ganteför gesprochen.

Der Mensch ist ein soziales Wesen und als Ergebnis der Evolution hat er vorerst seinen höchsten Entwicklungsstand erreicht, sagt Gerd Ganteför. Und doch wirke auch beim Homo Sapiens noch das animalische Gesetz der Herde, weil man in der Gemeinschaft viel stärker sei: "Die Tiere in Herden haben viel höhere Überlebenschancen. Und dieses Gemeinschaftstrieb, sich einer Gemeinschaft anzuschließen, ist auch in uns wirksam. Ein ganz einfacher Trieb."

Archaische Bedürfnisse nach Hierarchien

Und neben diesem Gemeinschaftstrieb gebe es dann noch den archaischen Trieb des Strebens nach Überlegenheit über ihre Artgenossen - bei Herdetieren und auch beim Menschen - schon bei kleinen Kindern, so Ganteför: "Es gibt Anführerkinder in Kleinkindergruppen und Kinder die diesen folgen. In uns einprogrammiert ist über diese Triebe eine Stammesgesellschaft, so wie diese Primaten leben, das ist eine Feudalgesellschaft, eine Hierarchie oder in der modernen Zeit eben eine Diktatur."

Und das erkläre auch weltweite Phänomene wie den Rechtspopulismus mit seinen einfachen Antworten, Parolen und Führerpersönlichkeiten: "Wir sind von den Instinkten her programmiert für eine Diktatur. Wir wollen einem Führer folgen."

Die Gegenspieler: Intelligenz und Willensfreiheit

Doch diesem animalischen Drang zur Diktatur stehe die Intelligenz, die Willensfreiheit, Fähigkeit zum kritischen Denken und zur Selbstreflexion  des seit 300.000 Jahren sich entwickelnden Homo Sapiens gegenüber: "Diese Intelligenz trägt die Demokratie. Oder andersrum: Nur die Demokratie wird dieser Intelligenz gerecht."

Es gäbe einen permanenten Kampf zwischen den Urinstinkten, die menschliche Gesellschaften immer wieder in diktatorische Gesellschaften zurückfallen ließen, und der demokratiefordernden Intelligenz

Forderung nach ständiger Demokratie-Schulung

Gerd Ganteförs Schlussfolgerung lautet deshalb, ständige Demokratie-Schulung unter Berücksichtigung der Urinstinkte, die man nicht negieren dürfe: "Das kritische Denken, die Selbstreflexion und auch die Akzeptanz anderer Meinungen, dass andere Menschen Anderes denken - das machen Tiere nicht, die haben keine Toleranz, dass wir das in der Schule den Kindern frühzeitig beibringen müssen."

Für den in der Schweiz lebenden Ganteför gehören dazu besonders auch Volksabstimmungen, damit die Bevölkerung sich im Pro und Contra der Argumente übt. Und was hat das alles mit Physik zu tun? Zumal mit der Welt der kleinen Nanoteilchen? Er sei, sagt Ganteför, als Physiker beteiligt am Exzellencluster "Kollektives Verhalten" der Universität Konstanz. Kollektives Verhalten gäbe es in Fischschwärmen, bei Primaten, an der Börse oder in der Physik beim Ausrichten der Atome im Magnetfeld: "Und die Naturgesetze, die diesen allgemeinen, scheinbar doch so unterschiedlichen Phänomenen zugrunde liegen, die herauszufinden, ist unser Job. Ich hab den nur erweitert, indem ich die zugrunde liegenden Muster oder Naturgesetze auf weitere Bereiche als nur die Physik erweitert habe."

Sendung

Der Roboter I2D2s mit seinem Erfinder Christoph Hocke (Bild: dpa)
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WissensWerte

Was ist wissenswert in Naturwissenschaft und Technik? Auf diese und andere Fragestellungen rund um Wissenschaft und Forschung geben Thomas Prinzler und  Kollegen Antworten.