ARCHIV: Studierende im Fach Lebensmitteltechnologie an der Beuth Hochschule für Technik Berlin (Bild: imago/photothek)
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- Schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt für Kopftuch-Trägerinnen

Vor 20 Jahren klagte die Lehrerin Fereshta Ludin, weil ihr die Übernahme in den Schuldienst verweigert wurde. Der Grund: ihr Kopftuch. Bis heute wird der "Kopftuchstreit" hitzig geführt. Sozialwissenschaftler haben jetzt die Lage muslimischer Frauen mit Kopftuch auf dem Arbeitsmarkt analysiert. Ein Beitrag von Anna Corves.

Man ist sofort im Thema: Es fühlt sich ungewohnt an, eine Wissenschaftlerin mit Kopftuch zu interviewen. Soraya Hassoun vom Berliner Institut für Integration und Migration an der Humboldt-Universität wundert das nicht, weil gut ausgebildete Frauen mit Kopftuch keine gewohnte Erscheinung im Arbeitsalltag seien.

Einstellungshindernis Kopftuch

Mit zwei weiteren Wissenschaftlern des BIM hat Hassoun analysiert, warum Kopftuchträgerinnen im Job unterrepräsentiert sind. Das hat zum einen quantitative Gründe: 70 Prozent der hier lebenden Musliminnen tragen kein Kopftuch, lediglich jede dritte Frau bedeckt sich gelegentlich oder immer. Von ihnen entscheiden sich manche für ein Lebensmodell als Hausfrau.
Musliminnen wiederum, die eine Berufskarriere anstreben, werden diskriminiert, wie mehrere Studien belegen: Das Institut für die Zukunft der Arbeit hat 2016 eine Studie erstellt, die belegt, dass Frauen mit türkischem Namen und Kopftuch sich bei gleicher Leistung und Ausbildung vier Mal häufiger bewerben müssten als Frauen mit deutschem Namen.

Eine Studie des BIM selbst von 2017 bestätigt, dass es vor allem das Kopftuch ist, das für Musliminnen zum Einstellungshindernis wird. Der Staat trage dazu bei, so die Forscher. Sie verweisen auf die Kopftuchverbote im öffentlichen Dienst. Zwar kippte das Bundesverfassungsgericht das generelle Kopftuchverbot für Lehrerinnen - Berlin aber hält als letztes Bundesland daran fest, will so staatliche Neutralität im Klassenzimmer gewährleisten. Im Justizbereich gelten in mehreren Bundesländern Kopftuchverbote. Damit setze der Staat auch ein Signal für den privaten Sektor, so Soraya Hassoun. Viele Arbeitgeber seien verunsichert ob der rechtlichen Lage.

Arbeitsmarkt spiegelt nicht die gesellschaftliche Realität wieder

Dieser erschwerte Zugang zum Arbeitsmarkt hat mehrere Folgen - zum einen für die Frauen selbst, sagt Hassoun und greift ein Argument der Kopftuch-Gegner auf: Man wolle diese Frauen befreien aus diesen konservativen Familien, und das gehe nur, wenn sie mit eigener Arbeit ökonomische Unabhängigkeit erlangen könnten. Diese Unabhängigkeit werde ihnen aber erschwert. Das habe auch gesellschaftliche Folgen: Der Arbeitsmarkt spiegele nicht die gesellschaftliche Realität wieder. Und reproduziere immer wieder das Bild der kopftuchtragenden Muslimin, die zwar vor Schülern putzen, nicht aber unterrichten darf, so Sozialwissenschaftlerin Hassoun.

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Zentrale Deutsche Börse (Bild: dpa)
dpa

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