Kind mit Puppe geht an der Hand der Mutter spazieren
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Bild: imago/Winfried Rothermel

- Alleinerziehende von Wohlstandszuwachs abgehängt

In der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, haben sich 35 Länder darauf verständigt, nach welchen Kriterien Familien als arm gelten. Im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung haben sich Sozialwissenschaftler diese Kriterien genauer angesehen. Das Ergebnis: vor allem Alleinerziehende haben das Nachsehen, berichtet Johannes Frewel.

Wie viele Kinder und Familien sind von Armut betroffen? Die Antwort darauf hängt maßgeblich von der Messmethode ab. Bislang galten OECD-Kriterien als Standard. Doch sie führen sie zu falschen Ergebnissen, fand Martin Werding, Professor für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen an der Ruhr-Universität Bochum heraus.

Alleinerziehende haben das Nachsehen

Er überprüfte die OECD-Kriterien im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, um herauszufinden, ob die Aufwendungen für Kinder etwa im Sozial- oder Steuerrecht richtig bemessen werden. Ergebnis: Am krassesten sei die Fehleinschätzung bei Alleinerziehenden mit einem Kind am unteresten Einkommensrand, wenn man beispielsweise eine größere Wohnung brauche. Deswegen werde die Einkommens-Situation von Alleinerziehenden mit den bisherigen Mitteln am heftigsten fehleingeschätzt, so Werding.

In den vergangenen Jahren haben der Wirtschaftsboom und die Familienpolitik erfolgreich dafür gesorgt, dass zahlreiche Familien bei ihrem Wohlstand gegenüber Kinderlosen aufgeholt haben. Am unteren Einkommensrand etwa bei Alleinerziehenden sei das jedoch komplett gescheitert, bilanziert die Bochumer Sozialwissenschaftlerin Notburga Ott, die unter anderem auch die Bundesregierung berät, denn für Alleinerziehende sei es schwieriger, Beruf und Kindererziehung zu vereinbaren. So gehe die Schere weiter auseinander: Der Rest der Gesellschaft sei reicher geworden und deswegen werde die Gruppe der Alleinerziehenden immer weiter abgehänt.

Staatliche Familienleistungen komplett neu ordnen

Wer als Alleinerziehender zwar arbeitet, aber dennoch auf Sozialleistungen angewiesen ist, hat vom Kindergeld gar nichts. Das kassiert die Sozialbehörde ein. Eine Folge: Alleinerziehende mit Kind haben nach Angaben der Wissenschaftler ein Armutsrisiko von 68 Prozent. Das ist dreieinhalb mal so viel wie der Durchschnittshaushalt -Tendenz steigend. Gibt es mehr Kindergeld, gehen ausgerechnet die ärmsten Familien leer aus. Anette Stein, Familienexpertin der Bertelsmann-Stiftung, fordert deshalb, staatliche Familienleistungen in einem Teilhabe-Geld zusammen zu fassen: Es gehe um einen Systemwechsel, vor allem auch um Zugang zu Bildung, Kultur und sozialer Teilhabe

Das Geld würde von einkommensschwachen Familien sofort ausgegeben und auf diese Weise auch der Wirtschaft zugute kommen.

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Zentrale Deutsche Börse (Bild: dpa)
dpa

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