ARCHIV: Japan, Namie: Familie Hirata besucht in der Region Ukedo die Überreste ihres Zuhauses, dass nur wenige Kilometer von dem Reaktor Fukushima Daiichi entfernt steht. (Bild: dpa/ Kimimasa Mayama)
dpa/ Kimimasa Mayama
Bild: dpa/ Kimimasa Mayama

- Acht Jahre nach dem Reaktorunfall in Fukushima

Vor acht Jahren wurde Japan von einem schweren Erdbeben mit anschließendem Tsunami heimgesucht. In dem direkt am Meer gelegenen Atomkraftwerk von Fukushima kam es durch den Wassereinbruch zur Kernschmelze. Die Regierung versucht nun durch Pressetouren den Eindruck zu vermitteln, dass inzwischen vieles wieder in Ordnung sei. Unsere Japan-Korrespondentin Katrin Erdmann hat sich selbst ein Bild gemacht.

Besuch mit Vorführeffekt: Auf den Pressetouren durch Fukushima präsentiert die japanische Regierung funktionierende Landwirtschaft und Fischfang. Doch die Fischer haben hier weiterhin Probleme, ihren Fang zu verkaufen. Zwar bekämen sie finanzielle Hilfen für Ausfälle, doch sie wünschten sich vor allem, dass alles wieder so wird, wie vor der Reaktorunfall am 11. März 2011.

Große Probleme mit kontaminiertem Kühlwasser
Ein großes Problem auf dem Gelände des Atomkraftwerks von Fukushima ist das belastete Kühlwasser. Die Marine und die Fischereigenossenschaften fürchten sich davor, dass dieses einfach ins Meer sickert. Dieses Kühlwasser enthalte nur noch Tritium, beteuerten die japanische Regierung und der Atomkraftbetreiber Tepco über viele Jahre. Inzwischen weiß man: das war gelogen. In 80 Prozent des Wassers befinden sich neben Tritium noch andere Stoffe, wie ein Tepco-Sprecher zugegeben hat. Diese Stoffe wurden bisher nicht herausgefiltert - darunter Strontium-90, das eine Halbwertszeit von 30 Jahren hat und krebserregend ist, wenn es über Lebensmittel in den Körper gelangt. Über die Risiken von Tritium ist sich die Wissenschaft bisher nicht einig.

Tepco hat angegeben, die Reinigung der Wassertanks nicht sorgfältig genug betrieben zu haben, weil man in Eile war und die Helfer schützen wollte. Doch Greenpeace hat aufgedeckt, dass ein Angebot zur Reinigung des Wassers aus den USA ausgeschlagen wurde - denn dieses hätte bis zu umgerechnet 150 Milliarden Euro kosten können. So strömt täglich neues kontaminiertes Wasser in die Tanks. Greenpeace hält es für die beste Lösung, das kontaminierte Wasser für viele Jahre auf dem Gelände in größeren Tanks zu lagern.
   

Chronik des Reaktorunfalls im Atomkraftwerk von Fukushima

Am 11. März 2011 geschieht in Fukushima das, was viele für unwahrscheinlich gehalten haben: die Kernschmelze in einem Atomkraftwerk. Nicht nur für Japan hat das weitreichende Folgen. Deutschland beschließt in rasantem Tempo, aus der Atomenergie auszusteigen. Eine Chronologie der Ereignisse.


11. März 2011

Japan: Das stärkste je in Japan gemessene Erdbeben erschüttert das Land. Es zerstört auch die externe Stromzufuhr des Kernkraftwerks Fukushima. Die Kühlwasserpumpen müssen deswegen mit der Notstromversorgung betrieben werden.

Wenig später löst das Beben einen Tsunami aus. Seine riesigen Wellen zerstören auch noch die Notstromversorgung im Kernkraftwerk Fukushima. Nur für wenige Stunden können zusätzliche Notbatterien die Pumpen betreiben.

Eilig herbeigeschaffte mobile Notstromaggregate lassen sich nicht anschließen. Die Folge: Die Reaktorkühlung fällt gänzlich aus. Dadurch überhitzen die Reaktoren und unkontrollierbare Kernschmelzen drohen. Rund 2000 Bewohner im Umkreis von drei Kilometern werden in Sicherheit gebracht.

Deutschland: Das Bundesumweltministerium richtet noch am gleichen Tag einen Krisenstab ein. Sein Ziel: die deutsche Bevölkerung über das Unglück in Japan zu informieren und zu verhindern, dass kontaminierte Lebensmittel und Waren importiert werden.

Bis zum 18. März 2011

Japan: In drei Reaktoren des Kernkraftwerks Fukushima hat die Kernschmelze eingesetzt, was die Kraftwerksbetreiberfirma Tepco jedoch monatelang leugnen wird. Am 12. März werden alle Menschen im Umkreis von 20 Kilometern um das Kraftwerk aus der Zone herausgebracht.

Die Strahlung im Atomkraftwerk steigt auf das Tausendfache des Normalwerts. Mehrere Wasserstoffexplosionen beschädigen und zerstören in den nächsten Tagen die äußere Schutzhülle von insgesamt vier Reaktorblöcken. Radioaktive Partikel gelangen daraufhin in die Umwelt.

Weil manche Blöcke kaum noch gekühlt werden können, sollen am 17. März Hubschrauber Wasser in die beschädigten Blöcke leiten. Der Einsatz wird wegen der hohen Strahlenbelastung abgebrochen.

Erfolgreicher ist die äußere Kühlung mit Wasser aus Wasserwerfern und Löschfahrzeugen. Außerdem gelingt es, eine Notstromversorgung für die Kühlwasserpumpen in zwei Blöcken aufzubauen. Die Betreiberfirma Tepco spricht davon, die Lage bald unter Kontrolle bringen zu können. Kritiker bezweifeln das. Die Arbeiter kämpfen mit extremer Strahlung und Hitze.

Deutschland: Am 14. März setzt die Bundesregierung überraschend die erst im Oktober 2010 beschlossene Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke vorübergehend aus. Insgesamt acht deutsche Kernkraftwerke werden vom Netz genommen. Alle 17 deutschen Kernkraftwerke müssen nun auf ihre Sicherheit überprüft werden.

Bis zum 25. März 2011

Japan: Lebensmittel aus dem Amtsbereich Fukushima überschreiten die zulässigen Höchstwerte für Radioaktivität. Die japanische Regierung verhängt ein Verkaufsverbot.

Im Kernkraftwerk stabilisiert sich die Lage etwas: Die Notstromversorgung kann ausgebaut werden. Durch die behelfsmäßigen Kühlmaßnahmen sinken die Temperaturen in den Abklingbecken auf unter 100 Grad. Die regulären Kühlanlagen funktionieren jedoch immer noch nicht.

Deutschland: Die deutsche Bundesregierung beauftragt die Ethikkommission "Sichere Energieversorgung" damit, die Risiken der Kernenergie neu zu bewerten und Vorschläge für einen Atomausstieg zu erarbeiten. Die Europäische Union (EU) beschließt einen so genannten Stresstest für alle 143 Kernkraftwerke der EU. Diesem müssen sich auch die deutschen Kernkraftwerke unterziehen.

Bis Ende März 2011

Japan: Die japanische Regierung räumt eine partielle Kernschmelze in einem der Reaktoren ein. In ganz Japan dürfen Wasseraufbereitungsanlagen kein Regenwasser mehr verwenden, aus Flüssen darf kein Trinkwasser mehr entnommen werden und offene Wasserbecken müssen mit Planen abgedeckt werden.

April 2011

Japan: Für die Kühlung der Reaktoren wird ständig kaltes Meerwasser in die zerstörten Reaktoren geleitet. Dadurch sammeln sich in vier Blöcken ungefähr 60 Millionen Liter radioaktives Wasser an, das auch in die Umgebung abfließt und ins Grundwasser gelangt.

Mai 2011

Japan: Nach verschiedenen Abdichtungs- und Eindämmungsmaßnahmen scheint kein kontaminiertes Wasser mehr ins Meer abzulaufen. Die Chefs des Kraftwerkbetreibers Tepco treten zurück. Das Reaktorgebäude 1 soll ummantelt werden, um zu verhindern, dass weitere Radioaktivität in die Umgebung entweicht. Aus diesem Grund werden auch vier Reaktorblöcke mit Kunstharz besprüht.

Deutschland: In nur sechs Wochen hat die Reaktorsicherheitskommission (RSK) im Auftrag der Bundesregierung alle 17 deutschen Atomkraftwerke dem Stresstest unterzogen. Am 30. Mai stellt die Ethikkommission in ihrem Abschlussbericht vor, wie Deutschland innerhalb eines Jahrzehnts endgültig aus der Kernenergie aussteigen kann. Zwar hat sich das Sicherheitsniveau deutscher Kernkraftwerke seit Fukushima nicht verändert, aber die Bevölkerung ist sensibilisiert.

Juni 2011

Deutschland: Am 6. Juni 2011 beschließt das Bundeskabinett in einer Sondersitzung das Aus für acht Kernkraftwerke und den vorzeitigen stufenweisen Atomausstieg bis 2022. Damit leitet die Regierung eine grundlegende Energiewende ein. Die Mehrheit der Deutschen begrüßt diese Entscheidung.

August 2011

Deutschland: Die 13. Novelle zum Atomgesetz tritt in Kraft und folgende Atomkraftwerke werden sofort vom Netz genommen: Biblis A, Biblis B, Brunsbüttel, Isar 1, Krümmel, Neckarwestheim 1, Philippsburg 1 und Unterweser.

Dezember 2011

Japan: Die japanische Regierung erklärt das havarierte Kernkraftwerk Fukushima für sicher. In den Reaktoren bleibe die Temperatur unter 100 Grad und aus dem Atomkraftwerk trete nur noch wenig Radioaktivität aus. Umweltschützer kritisieren das als Irreführung der Bevölkerung.

2012

Japan: Im Januar beschließt die japanische Regierung die Laufzeitbegrenzung der japanischen Kernkraftwerke auf 40 Jahre. Im Mai wird vorübergehend für zwei Monate das letzte Kernkraftwerk in Japan abgeschaltet und durch fossile Kraftwerke ersetzt. Im Juli kommt eine japanische Expertenkommission zu dem Ergebnis, dass das Reaktorunglück hauptsächlich auf menschliches Versagen zurückzuführen ist.

2013

Japan: Die meisten der 54 japanischen Atomreaktoren werden gewartet oder einem Stresstest unterzogen. Zum zweiten Mal seit dem Fukushima-Atomunglück stehen in Japan sämtliche Kernkraftwerke still. Infolgedessen steigen die Energiepreise.

2014

Japan: Wieder läuft verstrahltes Wasser ins Meer und regelmäßig fallen im havarierten Atomkraftwerk die Kühlsysteme aus. Die größte Herausforderung ist es, den bereits geborgenen Atommüll sicher zu lagern. Die Strahlenbelastung in der Region ist sehr hoch. Ob und inwiefern sich dies auf die Menschen vor Ort auswirkt, ist unklar.

2015

Japan: Knapp 120.000 Menschen können wegen der Strahlung noch immer nicht zurück in ihre Heimat. Trotz massiver Anti-Atomkraft-Proteste der Bevölkerung fährt Japan im August 2015 seinen ersten Atomreaktor wieder hoch, um zur Kernkraft zurückzukehren.

Im Oktober bestätigt Japans Regierung erstmals offiziell, dass ein ehemaliger Kraftwerksangestellter sehr wahrscheinlich aufgrund der radioaktiven Strahlung nach der Kernschmelze an Leukämie erkrankt ist.

Offen ist weiterhin die Frage, ob das Atomunglück für Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Jugendlichen im Amtsbezirk Fukushima verantwortlich ist. Die Regierung hatte flächendeckend mehr als 300.000 Kinder und Jugendliche untersucht. Das Ergebnis: Die Rate bei den Fukushima-Kindern ist im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung um das 20- bis 50-Fache höher.

Allerdings ist unklar und selbst unter Wissenschaftlern strittig, ob diese Ergebnisse auf die flächendeckenden Untersuchungen zurückzuführen sind oder ob es tatsächlich einen Zusammenhang mit dem Kraftwerksunfall gibt. Die japanische Regierung bestreitet den Zusammenhang zwischen Krebserkrankungen und dem Reaktorunglück.

Noch immer laufen die Aufräumarbeiten in Kernkraftwerk Fukushima. Experten zufolge sollen sie noch vier Jahrzehnte andauern.

(Quelle: Planet Wissen)

Sendung

Weltsichten
Colourbox

Weltsichten

An Ort und Stelle: In unserer Inforadio-Reihe "Weltsichten" senden wir Reportagen der ARD-Korrespondenten aus aller Welt.