München, Mahnmal für die Mitglieder der Weißen Rose / Foto München (
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- Wie verändert der Hype Sophie Scholls Erbe, Thomas Hartnagel?

Um die Person Sophie Scholl ist ein regelrechter Hype ausgebrochen – aus verschiedenen Lagern. Scholls Neffe, Thomas Hartnagel, sieht das kritisch. Er erzählt aus einer Kindheit mit der Familie Scholl und davon, dass die Ermordeten Hans und Sophie oft auch eine Belastung waren. Von Matthias Bertsch

Das Leben von Sophie und Hans Scholl hat auch im Leben ihres Neffens Thomas Hartnagel eine große Rolle gespielt, erinnert er sich heute. Sophie Scholl war nicht nur die Schwester seiner Mutter – "sondern auch die Geliebte meines Vaters", berichtet er.

Beide – Sophie als auch Hans – ständen immer im Mittelpunkt der Familie Scholl. Nicht aber als idealisierte Helden der Geschichte: "Es war eher eine persönliche Beziehung zu den Ermordeten", so Hartnagel. "Ich würde insgesamt sagen, dass diese familiäre Geschichte eher eine Belastung war. Es lag irgendwie wie ein Schatten auf der Familie."

Schon als Kind habe er diese Belastung gespürt. Gerade in den 1950er Jahren sei die Geschichte Sophie Scholls nicht unbedingt positiv bewertet worden: "Es war eher eine ablehnende Haltung." Hans und Sophie Scholl seien als naive, unbedacht handelnde Jugendliche gesehen worden, die man nicht ernst nehmen konnte.

 

"Sophie Scholl war ganz eindeutig gegen Nationalismus"

 

Heute sei es vor allem problematisch, dass Sophie Scholl oft von den falschen Personen instrumentalisiert würde. Hartnagel spricht die Querdenker-Bewegung an: "Widerstand, so wie ihn Sophie Scholl gezeigt hat, war eben kein Reflex, sondern letztlich eine unausweichliche Konsequenz." Er betont: "Sophie Scholl war ganz eindeutig gegen Nationalismus."

Den medialen Hype um die Person Sophie Scholl sieht er kritisch: "Ich sehe schon, dass junge Leute etwas lernen können, aber sie können nicht lernen, Widerstand zu leisten. Die heutige Situation ist nicht vergleichbar mit der Situation des Nationalsozialismus. Was viele Leute aber lernen können: Der Reflexionsprozess von der BDM-Führerin (Bund Deutscher Mädel) hin zu einer Widerstandskämperin."