Besetztes Haus in der Mainzer Straße in Berlin-Friedrichshain 1990
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Bild: imago images / Werner Schulze

- Sigmar Gude: Hausbesetzungen als soziale Bewegung

"Das ist unser Haus", sang Rio Reiser vor fast 50 Jahren. In dieser Woche soll eines der letzen besetzten Häuser in Berlin, die Liebigstraße 34 geräumt werden. Warum die Geschichte der Hausbesetungen für Berlin positive Entwicklungen bewirkt haben, erklärt der Stadtsoziologe Sigmar Gude im Gespräch mit Christian Wildt.

Der Leerstand zahlloser Altbauten, besonders in Westberlin, sei die Vorbedingung für die Hausbesetzerszene gewesen, sagt Gude. Es habe damals einen intensiven Kampf zwischen zwei Vorgehensweisen für die Erneuerung des Wohnbestands gegeben. InvestorInnen und Wohnungsbaugesellschaften auf der einen Seite plädierten für den Abriss und Neubau von modernen Wohnblocks. "Die andere Seite sagte: Nein, die Substanz ist toll, die kann noch ewig halten, sie muss nur erneuert werden", sagt Gude. Lange Zeig habe die erste Gruppe den Kampf dominiert, so seien die alten Substanzen absichtlich verfallen, erklärt der Stadtsoziologe.

 

Bezahlbarer Wohnraum blieb erhalten

Rund 200 besetzte Häuser habe es in den frühen 80er Jahren in Westberlin gegeben. Schon früh habe der Senat hart durchgegriffen und Räumungen angeordnet, Konflikte mit den HausbesetzerInnen seien etwa in der "Schlacht am Fraenkelufer" im Jahr 1980 eskaliert.

Dennoch habe es auch die "Berliner Linie" gegeben, nach der mit sogenannten "Instandbesetzern" verhandelt wurde, und teilweise Mietverträge erzielt wurden. Letztlich hätten die BesetzerInnen auch bezahlbaren Wohnraum erhalten, was in der Bevölkerung auf Zustimmung gestoßen sei. "Deswegen war es auch politisch nicht einfach so möglich, Polizei zu schicken und die Leute zu räumen", sagt Gude.

 

Ein völlig anderes Lebensmodell praktizieren

Die Hausbesetzerszene habe auch eine soziokulturelle Seite gehabt. Dabei ging es den jungen Menschen um Alternativen zum bürgerlichen Familienleben. "Ich möchte mit Gleichgesinnten zusammenleben in einer größeren Einheit, wir wollen einfach ein ganz anderes Lebensmodell praktizieren", beschreibt Gude diese Einstellung.

Diese Freiräume für Experimente des Zusammenlebens seien heute in der Stadt nicht mehr gegeben, sagt der Soziologe. "Das ist eine Ebene die eigentlich praktisch nicht mehr realisiert wird, und da ist mit Sicherheit ein großer Wunsch." Im kleineren Rahmen gebe es noch einige Menschen, die in Wohngemeinschaften zusammenleben. "Das sind oft Gruppen, die suchen händeringend eine Möglichkeit", sagt Gude.

In der kommenden Woche steht in der Liebigstraße 34 die Räumung eines der letzten besetzten Häuser an. Die BewohnerInnen gelten als besonders radikal. "Ich habe den Eindruck, dass der Druck so hoch ist, dass letztlich nur noch die bleiben, die sozusagen den Kampf wollen", sagt Gude.

 

Positive Entwicklung für die Stadt

Trotzdem sei die soziale Bewegung der Hausbesetzung für die Stadt eine positive Entwicklung gewesen, "weil nachher der Abriss von Altbauten außer Diskussion war." Das daraufhin entwickelte Konzept der behutsamen Stadterneuerung habe vielen Menschen vernünftigen Wohnraum zu vernünftigen Preisen ermöglicht, so Gude.