Archiv: Der Ökonom Thomas Straubhaar 2012 (Bild: dpa/ picture alliance/ Thomas Trutschel)
dpa/ picture alliance/ Thomas Trutschel
Bild: dpa/ picture alliance/ Thomas Trutschel

- Ökonom Straubhaar: "Coronavirus muss Teil des Alltags werden"

Corona teilt auch im Herbst 2020 die Meinungen: Die einen setzen auf Vorsicht, die anderen - eine Minderheit - will ein Leben ohne Beschränkungen. Auch der Ökonom Thomas Straubhaar von der Universität Hamburg plädiert für einen Strategiewechsel beim Umgang mit dem Virus. Inforadio-Redakteur Christian Wildt wollte wissen, wie das gehen soll.

Die bisherige Strategie in der Corona-Pandemie war nicht falsch, so Straubhaar - aber eine Unterdrückungsstrategie sei eben keine Ausrottungsstrategie. Die Prognosen zu zweiter und dritter Corona-Welle bezeichnet Straubhaar als "Horror-Nachrichten". Es gehöre zur aktuellen Strategie dazu, dass Lockerungen einen erneuten Anstieg der Infektionszahlen nach sich zögen. Auch dem kalkulierten Anstieg der Fallzahlen in den kalten Monaten werde man besser begegnen können, als im Frühjahr 2020 angenommen. Die Bevölkerung habe dazugelernt und kann sich mit vergleichsweise einfachen Mitteln schützen.

Es gehe ihm darum, dass man sich frei mache von den ständigen Warnrufen in Bezug auf das Virus. Diese verlören das Maß, die Bevölkerung werde der Appelle müde, sagte Straubhaar. Man müsse eher versuchen, mit dem Virus zu leben. Er setze für die Zukunft auf Herdenimmunität, die er aber durch Impfungen umgesetzt sehen will.


Straubhaar: Das Coronavirus muss Teil des Alltags werden


Deutsche Krankenhäuser seien trotz des derzeitigen Anstiegs der Infektionszahlen nicht überlastet, auch dies sei anders als im Frühjahr 2020. Aber: Auch Schweden, das seit Ausbruch der Pandemie auf selbstverantwortliches Handeln setze, habe Fehler gemacht, so der Ökonom. Diese haben vor allem ältere Menschen das Leben gekostet. Doch aus dem schwedischen Modell lasse sich auch lernen: Wenn die Bevölkerung klar vor Augen hat, dass das Virus bis zur Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs Teil des Alltags sein wird, dann akzeptiere sie auch punktuelle Einschränkungen. "Diese Unterstützung ist das A und O, um die Folgeeffekte von Corona möglichst gering zu halten", so Straubhaar.

Schon zu Beginn der Pandemie hatte Straubhaar sich geäußert, dass es Risikobereitschaft brauche und es keine Politik ohne Risiko gebe. Daraufhin wurde er vielfach attackiert. Er selbst achte jedoch die derzeitigen Pandemieregeln und setze sich nicht als "provokantes Statement" über die geltenden Corona-Maßnahmen öffentlich hinweg. Im Hinblick auf Großveranstaltungen wie Fußballspiele oder Karneval sagte er, dass sich die Situation in einem halben Jahr bereits wieder verändert haben könnte. Neue Technologien, Wissen oder auch Medikamente gegen die Folgen der Coronavirus-Erkrankung könnten eine völlig veränderte Ausgangslage schaffen.

Für den Schutz vor dem Virus zahlen andere einen hohen Preis


Durch einen Lockdown können zwar Leben gerettet werden, aber dafür litten die Wirtschaft und Menschen am psychischen Druck der Isolation, sagte der gebürtige Schweizer. Auch andere schwere Erkrankungen machten den Menschen zu schaffen - das Coronavirus zu priorisieren, bedeute auch, andere Krankheiten zu ignorieren. Das Coronavirus zu 100 Prozent einzudämmen hieße für Straubhaar auch: Andere zahlen andernorts einen sehr hohen Preis - wirtschaftlich wie psychisch - für diese Art von Schutz.